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Beziehungskrisen    –    2. Friedensmarathon Augsburg 2012

Der Leistungshöhepunkt der Saison 2012 liegt seit dem Hunderter in Thüringen vor vier Wochen hinter mir. Nun brauche ich „nur“ noch ein paar Marathons sammeln, um mir dann gemeinsam mit meiner Frau Ines in den Straßenschluchten von Manhattan einen Traum zu erfüllen: Einhundert mal Marathon und weiter … Alles hängt mit allem zusammen, beim Laufen ohnehin. Die Reise ist gebucht und für die letzten Marathons bis Nummer 99 in Ulm, Mitte September, bin ich angemeldet. Nichts darf dazwischen kommen! Also kein (Verletzungs-) Risiko, was unter anderem bedeutet die verbleibenden Marathons mit Zurückhaltung anzugehen. Aber alles hängt wirklich mit allem zusammen! Vergangene Woche erschien im Lokalteil der Augsburger Allgemeinen Zeitung ein Porträt von mir und meinen bisherigen läuferischen „Großtaten“. Riesenbild und atemberaubend viel Text. Ein nach übereinstimmender Aussage von Freunden und Bekannten ungewöhnlich gut geschriebener Artikel, der meine leidenschaftliche Beziehung zu Fräulein Längststreckenlauf mit allen Höhen und Tiefen beschreibt.

Und nun stehe ich am Start des 2. Augsburger Friedensmarathons; nach Tagen, in denen sich meine Tempoabsichten in etwa so oft und radikal hoben und senkten wie ein Schiffsbug in wild bewegtem Ozean. Alles andere als die Erfüllung der selbst auferlegten, immerwährenden Sub4Stunden-Pflicht hieße das große Ziel gefährden! Mag sein, aber ich laufe zu Hause, im Vereinsdress, und wer will da unter Wert geschlagen werden? Zumal, wenn man drei Tage zuvor seine läuferische Vita auf einem Drittel Zeitungsseite lesen durfte und nun fürchtet in jedem Augenpaar neben der Strecke ein erkennendes Aufblitzen zu entdecken. Vernunft sagt: Unsinn! Viele lesen die Zeitung nicht oder nehmen zumindest den Artikel nicht wahr. Und wenn doch, werden sie sich das Konterfei kaum nachhaltig genug einprägen, um den Kerl anlässlich eines flüchtigen Blicks zu erkennen und mit hämischen Fingern auf ihn zu zeigen. Kann sein, trotzdem wäre ich mit einer für meine Verhältnisse gemäßigten 3:50 bis 3:55 h nicht glücklich …

Was dann? Einen 5er-Schnitt – irgendwas um 3:30 h als Endzeit – sollte ich laufen können, ohne mich voll zu verausgaben. Lauf-theoretisch. Lauf-praktisch werde ich in etwa vier Stunden wissen, ob Witterung und Tagesform mitspielen. Das bei Laufveranstaltungen übliche Vorspiel endet mit der Aufforderung die letzen 10 Sekunden gemeinsam runterzuzählen. Ein Trompetenstoß aus einer mit Pressluft betriebenen Tröte schickt uns auf die Reise. Kein Startschuss. Auf den wolle man verzichten, da doch ein Schuss mit dem Motto „Friedensmarathon“ nicht vereinbar sei, meinte vorhin der Sprecher. Hat diesen verbalen Schlenker irgendwer registriert und denkt gleich mir darüber nach? Also über Religionsfrieden in Augsburg oder ganz allgemein und den Friedensmarathon, der seine Namensgebung der kalendarischen Nähe zum Hohen Friedensfest* der Stadt verdankt. Religionsfrieden – für mich ein Widerspruch in sich. In der Vergangenheit litten und starben in Europa Millionen Menschen im Streit um den wahren christlichen Glauben. Und noch in unseren Tagen bringen die Amtskirchen kein selbstverständliches Miteinander zustande – im Gegensatz zu den meisten evangelisch oder katholisch getauften Menschen selbst. Und das, obwohl niemand mehr bezweifelt, dass die Erde um die Sonne kreist und man überdies zur selben Allmacht betet. Anderswo auf dieser Welt wird nach wie vor gemordet oder auf jedwede Weise unterdrückt, weil sich alle Religionen im Besitz des einzigen, des wahren Bekenntnisses glauben. Sind es nicht oft die Strenggläubigen, deren zügelloser Fanatismus Leid und Not in die Welt setzt, obwohl Schriften, auf die sie sich berufen, Hass und Intoleranz gegenüber Andersgläubigen ablehnen? Was ist mit Religion, die politisches Handeln knebelt, was mit Politik, die den Glauben instrumentalisiert und missbraucht? – Mir reicht das einstweilen zum Reizwort „Religionsfrieden“.

*) Das Hohe Friedensfest wird jährlich am 8. August begangen und beschert den Menschen innerhalb der Augsburger Stadtgrenzen einen zusätzlichen Feiertag. Im Ernst: Alle Geschäfte sind dicht und die Augsburger schlafen aus, sofern sie nicht das Pech eines Arbeitsplatzes im Umland haben. Mit dem Friedensfest besitzt Augsburg den weltweit einzigen staatlich geschützten städtischen Feiertag.

Ich denke ansatzweise in diese Richtung und lasse es dann bleiben. Derlei Überlegungen vertragen sich weder mit dem herrlich milden Sonntagvormittag, noch mit der Lauflust, der ich mich nun sattsam hingeben möchte. Von der Stadionstraße biegen wir Richtung Innenstadt ab, unterhalb des Wittelsbacher Parks geht es leicht bergauf. Im Zenit erfolgt der Brückenschlag über das Gleisgewirr vorm Hauptbahnhof, wohl nur in Augen von Eisenbahnenthusiasten ein liebreizender Anblick. Bereits hier preschen die Schnellsten von Halbmarathon und Marathon auf der anderen Straßenseite entgegen, weil der Abstecher in die City alsbald und jäh an einer Wendemarke endet; noch früher als im letzten Jahr, weil die Großbaustelle Königsplatz es fordert. Augsburg lässt sich, seiner einzigartigen Baudenkmäler wegen, gern als „Stadt der Renaissance“ apostrophieren. Wer hier lebt, klebt ihr in diesen Tagen ein anderes Etikett an: „Bundeshauptstadt der Baustellen“. Die Erklärungen, warum gerade jetzt und gefühlt allerorten Bauzäune wie Unkraut wuchern, sind zahlreich. Den gemeinsamen Nenner bilden wohl jahrzehntelange Versäumnisse und kommunalpolitisches Gezerre.

Zurück auf der Brücke, Bahngelände die Zweite und vorbei am „Maiskolben“. So bezeichnet der Volkmund ein rundes Hochhaus, das Kongresshalle und umliegendes Antonsviertel weithin sichtbar überragt. Drei Kilometer liegen hinter mir und meine Zwischenzeit ein paar Sekunden über dem geplanten Wert. Die Strecke wird zum ersten Mal … reizlos. Keine Zuschauer, keine attraktiven Bilder. Füllkilometer. Vor einem Jahr meinte ich noch mit flammendem Protest auf die Streckenführung reagieren zu müssen, weil auswärtigen Läufern wenig von der baulichen Historie Augsburgs gezeigt wird. Inzwischen habe ich meine Beziehung zum Friedensmarathon überdacht: Besser irgendeine Strecke, als gar keine, nachdem von 1991 bis 2010 fast 20 Jahre kein Marathon in Augsburg angeboten wurde.

Wir geben die paar vorhin gewonnenen Höhenmeter wieder auf und durchqueren das von Geschäften gesäumte Zentrum des Stadtteils Göggingen. Ein Mann mit prall gefüllter Tüte verlässt gerade eine Bäckerfiliale, strebt dem heimischen Frühstückstisch entgegen. Vielleicht wäre ein gemütliches Frühstück, daheim mit Ines, auch für mich heute die bessere Alternative gewesen. Natürlich habe ich keine wirklichen Probleme mein Temposoll zu erfüllen. Allerdings dürfte ich das in dieser Frühphase nicht als anstrengend empfinden! Zu spät gefrühstückt oder zu viel? Zu warm? Miese Tagesform? Hab erst sechs Kilometer hinter mir, zu früh für Prognosen und Analysen. Vielleicht kommt der Motor noch auf Touren …

Wir verlassen Göggingen über die Wertachbrücke und nehmen die ersten Meter der Wellenburger Allee unter die Füße. Nach ein paar hundert Metern schickt uns eine Wende wieder zurück. Erst nachher, auf der zweiten, abweichenden Runde, werden wir die ganzen zwei Kilometer der schnurgeraden, von 300 Linden flankierten Chaussee abmessen. Vor der Wertach links, Richtung Schafweidesiedlung, diese passieren, schließlich in ein paar Hektar Auwald schlüpfen, die entlang des Flusses erhalten wurden. Das grüne Dach weist Licht und Wärme ab, wofür ich heute dankbar bin … und das ist seltsam. Meine Beziehung zu Sommersonne und Wärme, auch beim Laufen, hat sich unzweideutig eingespielt: Ich liebe die Sonne und sie liebt mich. Auch schwüle Nachmittagshitze kann mich vom Laufen nicht abhalten, noch setzt sie mir ernsthaft zu. Doch an diesem vergleichsweise milden, sonnigen Morgen wünsche ich mir unwillkürlich, im kühlen Schatten bleiben zu können. Erst acht Kilometer um und ich spüre schon Ermüdungserscheinungen. Irgendwas in mir stimmt da ganz entschieden nicht!

Von den folgenden fünf Kilometern gibt es wenig zu berichten. Erst ein Stück an der vierspurigen B17 entlang, zurück ans Wertachufer, unter der B17 durch, auf dem Wertachdamm Richtung Stadtteil Pfersee. Dann auf der Straße zwischen Wohnbebauung und Wertach traben, die man allerdings nicht sehen kann. Ihr Bett hat sich zu tief eingegraben, liegt obendrein zu weit abseits. Auf dem von vielen Joggern und Spaziergängern genutzten Uferpfad werden wir erst im zweiten Umlauf, als dünne, um zahlreiche Halbmarathonis reduzierte Läuferkette, unterwegs sein.

Ich habe die Wertach wieder überschritten, trinke an einem Verpflegungsstand und beginne das Volksfestgelände – den so genannten Plärrer – zu umlaufen. Inzwischen liege ich etwa eine Minute vor meinem Fahrplan. Klingt gut, hat aber nichts zu bedeuten, denn in ein paar Minuten wird mir der nächste Anstieg die Zeit wieder wegnehmen. Anstieg? Wie kann es Anstiege geben in einer Stadt, die der römische Kaiser Augustus am Zusammenfluss von Lech und Wertach vor 2.000 Jahren auf ansonsten brettflachem Terrain gründete? Der Stadtkern liegt zwischen den Flüssen, die sich ein wenig in die Landschaft gruben und im Mündungsdreieck die „Augsburger Hochterrasse“ als erhöhte Plattform übrig ließen. Ich spreche hier von etwa 30 bis 40 Metern Höhenunterschied, nicht viel, aber genug um Läuferbeine zu fordern. Das geschieht nachdem wir die Großbaustelle Eisstadion hinter uns lassen und in Richtung Wertachbrucker Tor in spitzem Winkel abbiegen. Die Buden des gerade laufenden „Wertachbrucker Thor Festes“ (das „h“ ist kein Schreibfehler) säumen die Straße. Zu dieser frühen Stunde verwaist, haben sie ein bisschen was von „Geisterstadt im Wilden Westen“. Zwischen hohen Bäumen schiebt sich das Wertachbrucker Tor vor meine Linse, nach gut 14 Kilometern die erste städtebauliche Attraktion.

„Am Katzenstadel“ geht es langsam aufwärts in Richtung Innenstadt. Wir nähern uns einem weiteren Leckerbissen für Lauftouristen im Feld, der ehemaligen Fürstbischöflichen Residenz (heute Sitz der Regierung des Regierungsbezirks Schwaben). Durch ein Tor der Residenz – tatsächlich „bewacht“ von einem Bediensteten – geht es in den Fronhof, eine von hohen, alten Bäumen umstandene Gartenanlage. Einerseits danken wir den Bäumen die kühle Atmosphäre in diesem Teil der Stadt, andererseits verwehren sie den Blick auf den unmittelbar angrenzenden Dom. Das aus Ziegeln gemauerte Bollwerk des Kirchenschiffs, flankiert von einem der beiden Türme, ist nur für ein paar Sekunden, zudem aus schlechter Perspektive, zu sehen. Ein Schlenker bringt uns zurück zur Residenz, die wir nach zwei weiteren Toren und einigen Metern Hofgarten hinter uns lassen.

Zwei Minuten später betrete ich die Fußgängerzone und bereite mich gedanklich auf die wohl sehenswürdigste der Augsburger Sehenswürdigkeiten vor, das Ensemble am Rathausplatz: Außer dem im Renaissancestil erbauten Rathaus selbst, bleibt der Blick am daneben stehenden Perlachturm und dem wunderschönen Augustusbrunnen haften (leider in diesem Jahr auch an einem von tausend Bauzäunen). Kurz nehme ich Notiz von einer Spendenmatte. Spendenmatte wofür? Ich nehme mir die Freiheit nicht zu spenden, da ich nicht weiß wofür**. Dass ich für ein paar verwacklungsfreie Aufnahmen Zeit verliere, ist mir egal, denn zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr bekomme ich auf dem Rathausplatz Läufer vor die Linse. Ich wende mich den nachfolgenden Läufern zu, fotografiere und …

… glaube zunächst an eine Verwechslung, muss gleich zweimal hinsehen: Katrin!?? Gestalt, Laufstil (leichtfüßig!) und ihr erkennendes Lächeln lassen allerdings keinen Raum für Zweifel. Katrin ist Teilnehmerin meines Marathonseminars und bestreitet heute ihr Marathondebüt. Ausdauertalent hat sie zuvor bereits im Halbmarathonseminar unter Beweis gestellt, doch das jetzt ist ziemlich starker Tobak. Ihre Vorbereitung stützte sich auf meinen Trainingsplan „Marathon in 3:45 h“. Zwar prophezeite ich ihr schon vorher, dass sie das „Ding“ ohne Probleme und sogar unter 3:45 h laufen wird. Gleichwohl sorge ich mich jetzt, denn ein 5er-Schnitt muss sie letztlich überfordern. Als ich sie anschließend einhole, muss ich das loswerden: „Dein Schnitt passt eher zu 3:30 als 3:45! Lauf nicht zu schnell, reib dich nicht auf!“ Hört’s, lächelt mich an und trabt unbeeindruckt weiter …

**) Randnotiz: Mir fällt auf, dass kaum ein Marathon mehr stattfindet ohne von einer karitativen Idee okkupiert zu werden. Laufen für den Frieden, für Kinder, für Obdachlose, für weiß was sonst noch. Vielleicht fällt mir das deshalb auf, weil ich Läufe in einer Frequenz konsumiere, wie Suchtkranke den Joint. Ich laufe, um zu laufen. Aus purer Lauflust und sportlichen Motiven. Meine Spendenbereitschaft leidet unter diesem läuferischen Egoismus nicht, wie man auf der Startseite unseres Internetauftritts nachlesen kann. Gibt es einen ähnlichen Spendenhype rund um Spiele der Fußballbundesligen, bei Radsportveranstaltungen, Skispringen oder anderen Sportarten, die Menschen scharenweise zusammen bringen? Ich bezweifle das. Wenn jemand Geld braucht, lässt er Menschen laufend Runden drehen. So geschehen zu Augsburg vor wenigen Wochen beim 3. Zoolauf, diesmal für eine begehbare Vogelvoliere. Sogar Grundschulkinder drehen Runden, um ihren „Sponsoren“ (Eltern, Großeltern, Freunde) Gelegenheit für Spenden an UNICEF zu geben (Man legt sich vorher fest, wie viel Cent pro Runde man spenden möchte). Letztere Aktion unterstütze ich mit Freuden. Jedoch, wenn ich ehrlich bin, mehr der laufenden Kinder wegen, von denen die meisten unter zu wenig Bewegung leiden. Ob Benefiz und Laufen eine Symbiose eingehen, oder nach und nach zu Malefiz entarten – ich lege mich nicht fest, setze aber ein Fragezeichen?

Vorm Stadttheater biegen wir rechts ab, um den Stadtkern in nördlicher Richtung zu verlassen. In Höhe der benachbarten Heilig-Kreuz-Kirchen – eine katholisch, die andere evangelisch – lege ich einen weiteren Stopp ein, um die heranstürmende Katrin zu fotografieren. Alles an ihr wirkt locker, entspannt, vergnügt bis in die Haarspitzen …

Zehn Minuten später, bei Kilometer 20: Entlang der Wertach strebe ich dem Stadion und der Vollendung des Halbmarathons entgegen. Nichts in mir gibt sich locker, entspannt und schon gar nicht vergnügt. Ich suche jeden Zipfel Schatten und mein Körper sendet eindeutige Signale früher Ermüdung. Erfahrung und Wissen schließen eine Wendung zum Besseren nach so langer Zeit kategorisch aus. Nur einmal stolperte ich zur Halbzeit eines Laufes ähnlich abgehalftert durch die Gegend und kriegte dann doch noch halbwegs die Kurve. Das war im letzten Jahr, auf der 100 km-Schleife rund um Ulm, wo ich nach 50 Kilometern sogar ans Aufgeben dachte. Allerdings lassen sich die Anforderungen eines Hunderters nicht mit jenen eines hart gelaufenen Marathons vergleichen. Heute bräuchte ich ein Wunder, aber die gibt es nicht im Ausdauersport. Ein Schlenker zwingt mich die parkähnlich angelegte Uferzone zu verlassen, hinüber zur Stadionstraße, hinaus in die pralle Sonne. Ich gebe mir Mühe meine „blendende Freundin“ wie gewohnt anzuhimmeln, mich in ihrer warmen Umarmung geborgen und wohlzufühlen. Warum ertrage ich ihre Nähe heute so viel schlechter als sonst?

Das Stadion bleibt zurück. Ich schlüpfe entlang des Wertachkanals, der hier parallel und dicht neben seiner Namens- und Wasserspenderin fließt, in kühlenden Baumschatten. Auf den letzten Kilometern blieb ich jeweils ein paar Sekunden über der angepeilten Pace. Mich dagegen zu wehren wage ich nicht, kann vermutlich nicht einmal dieses Tempo durchstehen. Über ein Wehr quere ich den Kanal und finde mich am Wertachufer wieder, ab jetzt in dichtem Auwald. Nur ein paar versprengte Läufer sind auf dem schnurgeraden Spazierweg auszumachen. Der Anblick vermittelt eher den Eindruck zufälliger Sonntagsjogger als den eines Marathonlaufes. Mehr als anderthalb Kilometer genieße ich Stille und kühle Luft bis mich die Wertachbrücke im Stadtteil Göggingen wieder zur Wellenburger Allee geleitet. Auf den Kilometern 24 bis 28 darf ich sie diesmal in ganzer Pracht und Länge abmessen. Die Lust auf Fotos ist mir eigentlich vergangen. Das herrliche Wechselspiel von Licht und Schatten im Spalier der Bäume, dahinter pralles Grün von Feldern, das strahlende Gelb von Sonnenblumen und ein azurblauer Himmel fachen sie von neuem an …

Auf der Allee kommt mir der Radler mit der führenden Frau entgegen. Nach einem Moment ermüdungsbedingter Verzögerung sickert mir ins Bewusstsein, dass Katrin – sicher nur ein paar Meter hinter mir – einer tollen Platzierung entgegen läuft. Unwillkürlich beginne ich „Weibsbilder“ zu zählen: Eins … … zwei … … drei … … kurz unkonzentriert für ein Foto (war im Schwarm um den Zugläufer 3:14 h eine Frau dabei?) … vier ... Ende der Allee und Wende. Die nächste Dame, keine halbe Minute später, ist Katrin. „Vor dir habe ich nur vier oder fünf andere Frauen gezählt!“ rufe ich ihr einigermaßen euphorisch zu, um mich gleich anschließend in kontroversen, inneren Diskurs zu verstricken: ‚Du hättest besser die Klappe gehalten! Was, wenn sie jetzt ehrgeizig ihr Tempo erhöht? – Das wird sie nicht tun! Sie hat keine der anderen Frauen in Sichtweite und bestimmt noch meine Sätze zur Lauftaktik im Ohr!’

Wendeschleife in der Wendeschleife: Schon vor einem Jahr hat mich dieser Abstecher von der Allee, zwischen Feldern Richtung Norden, genervt. Sonne von oben, Hitze vom Asphalt. Nach gottlob nur zweihundert Metern erfolgt bereits die Wende. Um einiges früher als letztes Jahr, was einer Streckenänderung bei Kilometer 19 bzw. 40 zu verdanken ist. Katrin hat den Abstand auf ein paar Meter verkürzt: „Jetzt habe ich mich wieder rangepirscht!“ ruft sie mir spitzbübisch zu. Nach dem fälligen Foto geht sie in Führung, noch immer leichtfüßig, als wären die bisher 28 Kilometer ein reiner Spaziergang gewesen …

Vor der Wertachbrücke links – wie gehabt –, zwei Becher Wasser an einem Verpflegungspunkt und alsbald die Wiederholung des wohltuenden Abschnitts durch kühlen Auwald. Kein Mitstreiter vor mir, nur das konstante Tapptapp schneller Schritte hinter mir. Der Abstand verringert sich nicht, da hat sich jemand an meinen Fersen fest gebissen. Raus aus dem Wald – tapp, tapp –, den öden Abschnitt an der B17 entlang – tapp, tapp –, drunter durch und rauf auf den Wertachdamm – tapp, tapp –, jetzt allerdings dicht hinter mir. Es ist Katrin, die sich am letzten Verpflegungspunkt viel Zeit gelassen hat. Beinahe Seite an Seite laufen wir auf die nächste Tränke zu. An der verliere nun ich etliche Sekunden, weil ich mich zu spät an das fällige Energiegel in meiner Gesäßtasche erinnere. Als ich mit zwei Bechern Wasser nachgespült habe, ist Katrin schon auf und davon.

Kilometer 31, 32, 33, 34 spulen wir am Wertachufer ab. Katrin voraus, ich etwa 30 Meter hinter ihr, „Mentor und Zögling“ im selben Trott. Die Reihenfolge allerdings stellt unsere „Beziehung“ auf den Kopf. Einmal mehr staune ich, wie gut das Training der letzten Monate bei ihr angeschlagen hat. Ohne Anzeichen von Ermüdung reiht sie Schritt an Schritt. Für mich bedeutet diese Passage entlang der Wertach puren Kampf, jeden Meter muss ich meinen müden Beinen abringen. Und irgendwann in dieser Zeit kündigt sich dann auch die Katastrophe in Form schleichender Übelkeit an. Zunächst „muckert“ sie vor sich hin, wird nicht intensiver, verschwindet aber auch nicht. Es ist keine Übelkeit, die vom Magen ausgeht, sie scheint in jeder Körperfaser gegenwärtig. Quelle ist mein überforderter Energiestoffwechsel, der nicht so viel Kraft bereitstellen kann, wie meine Muskeln bei diesem Tempo brauchen. Diesen „Effekt“ kenne ich von einigen Marathons, bei denen ich meine Tagesform überschätzte. Nur fand ich nie eine Taktik, wie man weiterlaufen und gleichzeitig die Eskalation der Übelkeit zum Brechreiz verhindern kann.

Ob ein weiteres, mein letztes Energiegel ein paar Kohlenhydrate zusätzlich in die Muskelzellen schleust und Linderung bringt? An der Tränke bei Kilometer 34 setze ich meinen Notfallplan in die Tat um – entgegen sonstiger Gepflogenheiten und eigentlich auch wider besseres Wissen: Was ich so kurz vor dem Ziel zu mir nehme, hat in der kurzen Zeitspanne bis zum Ziel keine Chance auf Verwertung …

Plärrergelände, Eisstadion, Wertachbrucker Tor – die Übelkeit hat sich eher noch verstärkt. Für den Anstieg Richtung Stadtmitte lasse ich mir viel Zeit. Wer will sich schon vor Zeugen auf offener Straße erbrechen, als hätte er zig Flaschen berauschender Getränke intus? Katrin habe ich aus den Augen verloren. Ich schicke ihr meine Wünsche für ein triumphales Finish hinterher. Residenz, Dom, Fußgängerzone – ich schleppe mich dahin, rechne minütlich mit dem Schlimmsten. Aber bitte nicht auf dem Rathausplatz vor reichlich Zuschauern in den angrenzenden Cafés. Das Schauspiel gönne ich denen nicht. Also langsamer. Ende Fußgängerzone, vor dem Theater rechts, leichter Anstieg – noch langsamer. Vielleicht kurz beschleunigen und endlich den Magen leeren? Heilig-Kreuz-Kirchen, links, rechts und endlich bergab … Noch drei Kilometer – nicht mehr weit!

Nicht mehr weit? Drei Kilometer sind verdammt weit, wenn die Kräfte versiegen und einem so blümerant zu Mute ist. Laufen, langsam, aber laufen … Noch einmal vorbei am Plärrer. Auf der Gegenseite streben noch immer Läufer dem Stadtzentrum zu. Die Besatzung eines Rotkreuzwagens hat es sich im Schatten bequem gemacht. „Ein schönes Plätzchen habt ihr da! Würde mich gerne dazu setzen!“ meint einer lachend und tippelt verhaltenen Schrittes vorbei. Wenn ich dergleichen noch registriere, kann’s mir doch so schlecht nicht gehen!? Entlang des Bahndamms trabe ich ein kurzes, schattiges Stück Richtung Innenstadt. Wie vorhin identifiziert mich Michael schon von weitem. Selbst Läufer beschränkt er sich heute darauf alle Bekannten, insbesondere Vereinskameraden, anzufeuern. „Hier nimm! Wenigstens ein kleines Stück Melone!“ Käme die Übelkeit vom Magen, legte ich ihm dessen Inhalt nach dieser Ansage augenblicklich vor die Füße. So gelingt es mir leidend die „Contenance“ zu wahren und seine Offerte mit knapper Erklärung abzulehnen.

40 Kilometer, Bahnunterführung, schattige Straße, parkende Autos, Wohnblocks. Ich denke noch: ‚Wenn ich doch endlich …’, dann stoppe ich zwischen zwei Fahrzeugen und vertraue dem Asphalt eine brisante Mischung aus Gel und Wasser an … … … Die Prozedur kostete Zeit, hat mir aber Erleichterung verschafft. Zurück an der Wertach und im Schatten. Meine Beine liefern auf dieser Schlussetappe den Beweis, dass sich das Genmaterial von Elefanten und Menschen nur marginal unterscheidet. Ich bin ausgebrannt, wie schon lange nicht mehr. Blick zur Uhr und Ermahnung: ‚Unter 3:40 h wirst du nicht mehr schaffen, also lauf langsam!’ Die Übelkeit ist nicht gänzlich gewichen, sie lauert wie ein verschlagener Gnom im Hinterhalt. Ein paar Zuschauer applaudieren, versuchen mich anzuspornen „Gleich geschafft! Das sieht gut aus!“ (wenn die wüssten …). Insgesamt hielt sich der Publikumszuspruch in Grenzen, war aber reger als beim verregneten Debüt im Vorjahr und für die recht reservierten Augsburger stellt schon das eine beachtliche Leistung dar.

Auf der Stadionstraße Richtung Ziel, noch ein Kilometer, bin langsam unterwegs. Der Marathon, eine weitere, durch nichts zu erschütternde Liebesbeziehung, kann mich heute nicht leiden. Das kommt gelegentlich vor, ich kann’s verschmerzen. Denn schon nächstes Mal wird er wieder einen rundum glücklichen Menschen aus mir machen … Langsam schiebt sich das Marathontor des Stadions ins Blickfeld – viel zu langsam. Durch und auf die Tartanbahn. Der Sprecher am Mikro liest offensichtlich Zeitung. Jedenfalls erzählt er den Zuschauern von meinen vielen Marathons, und dass der hundertste wohl dieses Jahr noch ansteht. Dergestalt der Anonymität entrissen reiße ich mich zusammen. Flott und mit zum Zeichen des Sieges erhobenen Armen laufe ich nach 3:40:59 h durchs Ziel.

Der Marathon der anderen

Meine Marathonseminaristen können beide ihr erstes Marathonfinish feiern. Dabei hatte Dirk das deutlich schlechtere Ende für sich. Knieschmerzen zwangen ihn auf den letzten zehn Kilometern zu gehen, wodurch er die antrainierte Ausdauer nicht einsetzen konnte. Immerhin war er nach 5:30:38 h im Ziel.

Katrin erfüllte sich nicht nur ihren Marathontraum. Mit 3:36:30 h und Gesamtplatz 4 vollbrachte sie darüber hinaus eine fantastische sportliche Leistung.

Fazit zur Veranstaltung

Der Ablauf gestaltete sich reibungslos, die Versorgung war ausgezeichnet. Zahllose gut gelaunte und hilfsbereite Helfer trugen maßgeblich zum Gelingen der Veranstaltung bei. Negativ aufgefallen ist lediglich ein Herr Oberwichtig, der meinte den Durchgang von der Tribüne zum Innenraum für Nicht-Startnummern-Besitzer kategorisch absperren zu müssen. Angesichts der recht überschaubaren Zuschauerzahlen und des von überall sonst her möglichen Zugangs für jedermann ein reichlich unsinniges Unterfangen.

Die Strecke ist abwechslungsreich und abschnittsweise attraktiv, auch wenn sie dem Läufer vom historischen Augsburg viel vorenthält. Gerade bei sonniger Witterung und hoher Durchschnittstemperatur, im August eher die Regel, kommen die vielen grünen und schattigen Kilometer den Läufern entgegen.

 

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