Kuckuck, Kuckuck, ruft’s aus der Stadt – Salzburg Marathon 2011

„Dramaturgische Bitte“: Lege die CD „Also sprach Zarathustra“, Opus 30 von Richard Strauss, auf und spiele den Satz „Der Sonnenaufgang“; oder klicke ersatzweise auf einen entsprechenden Link im Netz – beispielsweise diesen - und beginne erst dann, aber baldmöglichst mit dem Lesen …

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Es fegt dich weg! Gebe dir den „Sonnenaufgang“, diese geniale Tonschöpfung von Richard Strauss, konzentriert, ohne störendes Nebengeräusch, mit Sinnen, offen für ein gewaltiges Klangerlebnis – dann fegt es dich weg! Erst das tiefe, mehr fühl- als hörbare Tremolo der Streicher, Hintergrundgrummeln einer vergehenden Nacht, schwarzblau, Leuchtstreifen gelb-orange überm Horizont. Alsbald drei singuläre Blechtöne – erste Strahlenbündel blenden die Augen des Betrachters – und schließlich die Trompetenfanfare mit der sich das Gestirn in ganzer Pracht erhebt und den Anbruch des neuen Tages einleitet … Richard Strauss schrieb in seinen Skizzen zur Partitur über diesen Anfang: „Die Sonne geht auf: Das Individuum tritt auf die Welt oder die Welt ins Individuum.“

Sonnenaufgang im Aufstieg zum Kilimanjaro; Seehöhe ca. 5.600 m

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Ich stehe in Salzburg. In Salzburg ist alles Musik. Sonntagmorgen, kurz vor neun, Griesgasse. Ich bin das Individuum und ich trete in die Welt. Die Welt, das sind über 5.000 Läufer in einer der minder engen Straßen Salzburgs. Akustisches Hintergrundgrummeln sind wir, brodelnde Menschenmasse, erwartungsvoll ausharrend. Optisch grummelt die Welt von oben: Düster, nahezu drohend, hängen regenschwangere Wolken über der Stadt, entsenden wabernde Nebel zu den Hängen des Kapuzinerberges jenseits der Salzach. Wie Elmsfeuer entlädt es sich im Spinnennetz der Oberleitung. Spontan denke ich an elektrische Funken; Strom, dem Nässe den Weg bahnt. Aber das ist natürlich Unsinn, dafür ist die Spannung zu niedrig. Die nassen Drähte reflektieren lediglich der Fotografen Blitzlicht, das vermutlich fünfzig Meter vor mir, kenianische und einheimische Laufprominenz in Szene setzt. Und dann, ohne Vorwarnung, tritt die Welt in mich: Zarathustras Sonnenaufgang geht mir durch Mark und Bein. Es liefe mir kalt den Rücken hinunter, hätte mich der nasskalte Morgen nicht ohnehin schon angefasst. „Sonnenaufgang“ musikalisch. Na klar. Symbol für den Aufbruch, für den nahen Moment, wenn über 5.000 Individuen „auf die Welt treten“, voller Freude in ein tolles Lauferlebnis starten. Dramaturgisch geschickt eingefädelt. So könnte, so müsste die Klangsequenz erhebend wirken, sogar bei mir – aber nicht bei diesem Wetter. In der dämmrig tristen Morgenstimmung setzen die Klänge nur einen weiteren bedrückenden Akzent.

Aber halt! Nun habe ich dir genug schaurig Düsteres zugemutet. Wenn ich dich nicht in die schöne, heile Läuferwelt zurückhole, liest du vielleicht nicht weiter. Also: Die Welt „tritt auch positiv in mich“. Das fing schon mit Heidi und Bernhard an, Foris, die ich vor dem Lauf kennen lernen durfte. Jetzt stehen sie ein Stück weiter vorne in der Startaufstellung. Heidi erhofft sich einen flotten Halben und Bernhard den ganzen Marathon in etwa 3:30 h. Beides zu schnell für mich. Salzburg nehme ich als langen Trainingslauf, eine weitere Station auf dem Weg zu den 100 Kilometern der Ulmer Laufnacht. Häufig überschritt ich in den vergangenen Monaten die unsichtbare Grenzlinie erträglicher Trainingsleistung. Heute möchte ich nichts riskieren: Mit 3:50 h, eher noch langsamer, möchte ich mich bescheiden.

Wir stehen dicht an dicht und lauschen dem routinierten „Schmäh“ des Moderators. Mein Blick kippt für einen Moment nach unten, Richtung nasser Asphalt. Und wäre so was möglich, ich bekäme augenblicklich Stielaugen, angesichts der Laufschuhe meines Nachbarn. Der trägt Zehenschuhe! Hastig, mit beinahe klopfendem Herzen aktiviere ich die Digicam und blitze ihm auf die Füße, was dem Mann natürlich nicht verborgen bleibt. „Gööh, dös glaabd kaaner, doas’d doamid an Maaradon laffn kosd!?“* meint er in schnarrend vorgebrachtem Dialekt. „Ich schon!“ entgegne ich knapp, während sich meine Kameralinse weiter in die adretten Füßchen meines, kleinwüchsigen Nebenmanns verliebt – „Blitz“ und noch mal „Blitz“ – Der etwa 60 Jahre alte, überaus gesund aussehende Herr hält unterdessen einen beseelten Vortrag, erläutert den orthopädischen Mehrwert, den ihm seine Spezialschuhe bringen. Außer mir lauscht noch eine Dame zu seiner Rechten, deren Zwischenfragen die Rede immer wieder befeuern. Meine befremdliche Fixierung auf Nachbars Zehenschuhe stellt indes keine seltene Form von sexuellem Fetischismus dar, noch entspringt sie anderweitiger geistig-emotionaler Verirrung. Vielmehr fehlt mir exakt diese Aufnahme! Der letzte Teil meiner Serie „Ein Weg zum Marathon“, Teil 7, „Marathon laufen und gesund bleiben“, geht seiner Vollendung entgegen. Darin ist auch von Zehenschuhen die Rede, und weil diese Fußbekleidung derzeit noch wenige kennen, brauche ich ein Bild. Jetzt hab ich gleich mehrere!


*) „Gell, das glaubt keiner, dass du damit einen Marathon laufen kannst!?“ (Zehenschuhe besitzen nur eine dünne Kunststoffsohle, daher keinen Absatz und keine Dämpfung.)

Es ist alles erzählt, wir stehen und schweigen, noch fünf Minuten. Ab und an trifft mich ein Spritzer von oben. Natürlich wird es regnen. Um das zu wissen, braucht man keine hellseherischen Fähigkeiten. Bliebe es jedoch bei wenig ergiebigen Schauern, wäre die Sache undramatisch. Mit Schaudern denke ich an die wolkenbruchartigen, von starkem Wind begleiteten Regenfälle des gestrigen Abends. Zarathustra gibt sein Bestes, damit das Schaudern anhält. Der Startschuss. Wie immer bei großen Stadtmarathons nicht das Signal zum Loslaufen. Ein Teilnehmerrekord wurde vorhin verkündet und diese gewaltige Masse Mensch braucht Zeit, um sich in Bewegung zu setzen. Als der Schuss bricht, fängt es an zu regnen. „Ich glaub, der hat ein Loch in den Himmel geschossen!“ bemerke ich in Richtung eines lächelnden Riesen zu meiner Linken. Gemeinsam lachen wir über meinen Scherz und sicher hoffen wir beide, dass ich mich irre.

Nach einer Minute überlaufe ich die Matten der Zeitnehmung und starte meine Uhr. „Das nimmt kein Ende mehr!“ dröhnt es mir ins rechte Ohr, als ich die Lautsprecher passiere. Während der Moderator die Begeisterung des Bürgermeisters an seiner Seite in Worte kleidet, der angeblich noch nie so viele Läufer auf einem Haufen gesehen hat, bin ich ein bisschen erstaunt, wie leicht mir die ersten Schritte fallen. Meine Verwunderung gründet einerseits auf dem merkwürdigen, nicht beschreibbaren Gefühl von „nicht-Marathon-fähig“, das mich seit dem Aufstehen begleitet; hauptsächlich jedoch auf einer üblen Rückenattacke, die mir noch bis vor drei Tagen die ersten Laufschritte jedes Trainings zur Hölle machte.

Dicht an dicht folgen wir dem Ufer der Salzach. Da ist kaum ein Durchkommen, obwohl die Läuferflut Straße und Bürgersteige in voller Breite überspült. Mein Tempo an sich ist o.k., wahrscheinlich sogar zu schnell. Störend wirken Drängler und Schnecken. Beide wegen der Unfähigkeit einen ihrem Tempo entsprechenden Platz in der Startaufstellung einzunehmen. Bald laufen wir in spitzem Winkel weg von der Salzach, unter schattigen Alleebäumen (Zweifellos werden sie einen Schatten werfen, falls je wieder die Sonne in Salzburg scheinen sollte). Gedränge und Kälte blockieren jedwedes Gespür für die augenblickliche Pace. Die erste Kilometertafel erreiche ich fast eine halbe Minute zu früh, bin also wieder einmal zu flott angelaufen.

Boaah! Das war knapp. Im letzten Moment weiche ich einem kniehohen Poller aus, den die Vorauslaufenden verdeckten. Dergleichen Organisationsversagen macht mich regelmäßig wütend. Fünf, sechs metallene Poller quer zur Laufrichtung: Wie kann man 5.000 Menschen auf ein so tückisches Hindernis ohne Sicherung zulaufen lassen?

Von der asphaltierten Allee wechseln wir fast übergangslos in eine noch breitere, mit deutlich älterem und prächtigerem Baumbestand. Deren Oberfläche ist nicht versiegelt und so schmatzen nun die Füße munter auf klebrig, schmierigem Belag, patschen nicht selten durch schmutzig graue Pfützen. Je besser der individuelle Laufstil, umso schneller sprenkeln Dreckspritzer die Rückseiten meiner Mitläufer. Schnurgeradeaus und über mehr als zwei Kilometer führt die Hellbrunner Allee durchs Salzburger Umland. „Schnurgeradeaus“, bei stetem Tempo, spricht eigentlich für monotones Laufen, zumal so gut wie keine Höhenunterschiede den Weg verlegen. Weit gefehlt: Ständig sind kleine Geschicklichkeitsaufgaben zu lösen. Ziel ist es, in keine der zahllosen Pfützen zu treten und besonders schlüpfrigen Flecken auszuweichen. Leichter geschrieben, als getan, weil jeder in der immer noch eng gestaffelten Truppe dasselbe versucht und man sich leicht ins Gehege kommen kann. Doch selbst bei schönstem Wetter, ohne kurzweiliges Pfützenintermezzo, wird dich diese Allee kaum langweilen. Beidseits unterhalten malerische Ausblicke über Wiesen und Felder, erst in der Ferne von den Höhen des Salzburger Landes begrenzt.

Meine Tagesform macht mir Kopfzerbrechen. Kaum vier Kilometer gelaufen und schon fühlen sich die Beine ein wenig müde an. Außerdem verspüre ich ein leichtes Ziehen im Kreuz und im Unterleib rumort es. Erklären kann ich mir alles, am leichtesten die Müdigkeit, da ich praktisch ohne Erholung in diesen „Trainingslauf“ gehe. Die Hände sind von der Kälte schon ganz klamm. Meine leichten Fleece-Handschuhe warten im „Kleidersackerl“ im Zielbereich auf Abholung. Sich darüber die Haare zu raufen ergibt keinen Sinn, weil ich nicht im Entferntesten meinte sie zu brauchen. Ende der Litanei: Die meisten „Unpässlichkeiten“ werden sich geben – und wenn nicht, halte ich sie einfach aus.

Am Ende der Allee gleitet die Läuferschlange durch ein repräsentatives, von gelben Empfangsgebäuden flankiertes Portal. Bereits das fein heraus geputzte Entrée stellt ein architektonisch, wie zeitgeschichtlich bedeutsames „Schmankerl“ in Aussicht. Und richtig: Zwischen übermannshohen Mauern und Wirtschaftsgebäuden halten wir genau auf Schloss Hellbrunn zu, in den Jahren 1613 bis 1615 vom Salzburger Fürsterzbischof erbaut. Sicher wurde der 250 Meter lange rote Teppich nicht exklusiv für uns ausgerollt, dennoch mag sich nun für eine Minute als VIP fühlen, wer möchte. Die meisten ergattern einen Streifen Teppich, um ihre Spur zu ziehen. Mir brate ich die übliche Extrawurst, weil hübsche Fotos nur seitlich des Trosses zu erhaschen sind. Schloss Hellbrunn fordert vier Fotostopps und insgesamt eine halbe Minute meiner „wertvollen“ Laufzeit.

Über Parkplatz und Zufahrt lassen wir das Schloss hinter uns. Ein Becher Iso schwappt in meinem Bauch. Eigentlich wollte ich heute nur Wasser trinken, griff jedoch gedankenverloren zu und schluckte, während mein Kopf noch das Erlebnis „Schloss“ verdaute. Auch der nächste Abschnitt der Strecke wirbt mit altem Baumbestand um meine Gunst: Unter den natürlichen Markisen weit ausladender Äste böte sich ein herrliches Alpenpanorama. Heute grüßt der bekannte, knapp 2.000 m hohe Untersberg unter Dunst- und Wolkenschleiern allerdings nur schemenhaft herüber. Die feuchte Belästigung hält sich in Grenzen: Regenschauer gehen entweder kurz oder als Sprühregen über dem nach wie vor kompakten Läuferfeld nieder.

Ist das wirklich ein Stadtmarathon? Nach langer Waldpassage tauchen zwar erste Häuser auf, insgesamt dominiert jedoch die Farbe Grün und bewahrt den dörflich ländlichen Charakter. Nach 53 Minuten passiere ich Kilometer 10, Zeit für eine Zwischenbilanz: Kopfrechnen ergibt eine Pace von 5:18 min/km, was eindeutig zu schnell ist. Erst recht, wenn ich die vielen Fotostopps bedenke. Fotoleidenschaft und Kälte sind sicher auch für das extrem ungleichmäßige Tempo verantwortlich. Nein, ein Vergnügen ist das heute nicht: Noch immer registriere ich klamme Hände und Unordnung im Unterleib, die zuweilen ein schwaches, leicht schmerzhaftes Ziehen erzeugt. Der Magen drückt seit dem Schluck Iso, der kleine Teufel im Kreuz hat es sich bequem gemacht und die Beine geben sich unwillig. Auch wenn ich das alles wegwische und verdränge, unter dem Strich bleibt die Sorge heute auf dem letzten Teil ernsthafte Schwierigkeiten zu bekommen.

Langsam nimmt die Umgebung wieder urbane Züge an. Im Grunde erwarte ich vor der Altstadt nichts Spektakuläres mehr. Doch dann, bei Kilometer 11, nimmt die grüne Lunge noch mal einen tiefen Zug und ich finde mich zwischen Park, Kleingartenanlage und Wiesen wieder. Ein Schwimmbad: Publikum steht auf einer Tribüne, klatscht, schreit, die Trillerpfeife eines Schiedsrichters ist zu hören. Ein Schwimmwettkampf? Mir bleibt keine Zeit darüber nachzudenken, denn linker Hand öffnet sich ein zauberhafter Blick über eine graugrüne Wasserfläche, den Leopoldskroner Weiher. Baumbestandene Inseln, viele Wasservögel und die prächtige, fast weiße Fassade des Schlosses Leopoldskron machen den See zum veritablen Blickfang. Und wieder opfere ich meinen Reporterpflichten eine halbe Minute, um ein paar verwacklungsfreie Bilder einzufangen.

Die nächsten Kilometer bringen, was in jedem Stadtmarathon unvermeidlich scheint. Wohnstraßen, Gewerbeansiedlungen, dann und wann ein paar Zuschauer. Meinen nächsten Becher Wasser, bei Kilometer 16, trinke ich bei musikalischer Untermalung. Schon von weitem waren rockige Klänge und die raue Stimme der Sängerin zu hören. Die Darbietung wirkt ein wenig lustlos, doch wer wollte es der Band verdenken: Von den Läufern ignoriert, ohne Zuschauer, in dieser Kälte und vor Nässe notdürftig auf der Ladefläche eines Lkw-Trailers geschützt, hält sich wohl auch die Freude am Musizieren in engen Grenzen.

Als kompakter Riegel taucht der Mönchsberg am Ende der Straße auf. Auf der anderen Seite dieser innerstädtischen Erhebung liegen Altstadt und Ziel. Kurz vor dem Tunnelportal wendet sich der Kurs jäh nach links. Gerade geht ein einigermaßen heftiger Schauer nieder. Während ich mir Mal um Mal das Wasser aus Stirn und Gesicht wische, umlaufen wir den Mönchsberg auf anderthalb menschenleeren Kilometern. Wenig äußere Reize, dafür mehr Wahrnehmung läuferischer und körperlicher Daten. Ich bin zu schnell! Schon wieder! Obgleich ich mich mühe langsamer zu laufen, will mir das einfach nicht gelingen. Und ich muss langsamer laufen, weil mein Körper sich auf ungewohnte Weise „komisch“ anfühlt. Tempo und Körpergefühl passen einfach nicht zusammen.

Der Schlund einer Unterführung verschluckt uns, ein weiterer speit uns gut hundert Meter weiter wieder aus. Mit einer Geradeaus-rechts-links-rechts-Kombination erobern wir noch ein bisschen mehr fades Salzburg, finden uns danach aber auf einer der zahlreichen Brücken über die Salzach wieder. Die Altstadtpassage beginnt bei Schloss Mirabell (Km 20), von dem aber ebenso wenig zu sehen ist, wie vom hübschen, benachbarten Park, dem Mirabell-Garten. Puh, das war knapp: Eine Frau, die ihr Fahrrad mit schlechtem Timing, dazu unbeholfen über die Straße schiebt, hätte fast einen Läufer zu Fall gebracht. Schon strauchelnd kann er sich gerade noch am Gepäckträger abstützen und dem Hindernis mit geschickter Körperdrehung ausweichen.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag – Sightseeing in Salzburg: Durch einen Torbogen in die Fußgängerzone der Dreifaltigkeitsgasse und schon Sekunden später übers Platzl hinunter zur Staatsbrücke. Rechts weg und durch den Startbereich in der Griesgasse weiter. Aus nach wie vor aktiven Lautsprechern dröhnt die Stimme des Moderators. Steht der im Zielbereich oder hier irgendwo? Wichtiger: Wo steht Ines? Ich fuhr heute früh mit Bernhard voraus. Ines konnte in aller Ruhe im Hotel frühstücken, mit Roxi das Morgengassi absolvieren und wollte mich zur Halbzeit an der Strecke treffen. Aber wo? Inzwischen bin ich in Höhe Universität angekommen und hätte – nur auf die Zuschauer achtend – beinahe den falschen Weg eingeschlagen. Zum Glück ist das Schild auffällig angebracht: Geradeaus ins Ziel, nach links auf die zweite Runde. Nach ein paar Metern pfeift die Zeitnehmung zur Halbzeit: 1:51 plus irgendwas. Zu schnell! Aber mit dem Problem befasse ich mich später, ich will auf keinen Fall Ines verpassen. Weiter Sightseeing: Vorbei am Cafe Tomaselli, dem ältesten Kaffeehaus Österreichs, über den Alten Markt, links das Cafe Fürst, wo man die Original-Mozartkugeln erstehen kann und schließlich auf den Residenzplatz. Von Ines keine Spur. Vielleicht ist sie in einen der zahlreichen Staus geraten, die sich stadteinwärts wegen der Marathon-Sperrung gebildet haben. Ein kurzer Blick seitwärts über den Residenzplatz – auch Standort der Fiaker – endet am Dom und hangelt sich an dessen Türmen hundert Meter in die Höhe. Plötzlich sehe ich Ines stückweit voraus und mein Herz klopft wie beim ersten Rendezvous. Sie winkt, hat mich auch erkannt. Ihr Gesicht verschwindet hinter der Spiegelreflex, um eine Bilderserie von mir zu schießen. Roxi hat sie abseits an einer Bank festgebunden. Dann bin ich vorbei und drehe mich noch mal um, winke, sie winkt zurück. Das hätten wir besser sein lassen, denn in diesem Augenblick erkennt mich Roxi … Noch eine ganze Minute, bereits wieder unten am Salzachufer trabend, höre ich ihr Jaulen und Bellen. Roxi ist fast immer dabei, wenn ich laufe. Deshalb – auch wenn es hundepsychologisch ganz sicher nicht diese Bedeutung hat – höre ich statt Bellen und Jaulen Roxis Frage: „Warum nimmst du mich nicht mit?“

Das desolate, nicht genau einzuordnende Körpergefühl begleitet mich weiter. Statt Spaß harte (Trainings-) Arbeit. Dass die Lauffreude sich heute frei genommen hat, liegt aber ausschließlich am miesen, vor allem saukalten Wetter. Fräulein Sophie, die Eisheilige, will meine Hände einfach nicht mehr loslassen. Merkwürdig allerdings, dass die Kilometer jetzt gefühlt rascher vorbei ziehen … 22, 23, 24, 25. Ich laufe wieder durch diese sagenhafte Hellbrunner Allee. Nach allem, was man weiß, die älteste herrschaftliche Allee der Welt. Die Halbmarathonis sind aussortiert, jetzt habe ich genug Platz, um Pfützen und schmierigen Flecken via Ideallinie auszuweichen.

Schloss Hellbrunn: Nun gehört er mir, der rote Teppich, und zielstrebig renne ich auf die gelbe Schlossfassade zu, als wollte ich den Bau entern. Über den Parkplatz, trinken, und zurück auf der Straße. Einmal mehr beeindruckt die Strecke mit Natur – auch wenn es inzwischen heftig zu schütten begonnen hat. Es regnet die sprichwörtlichen Bindfäden und binnen einer Minute bin ich völlig durchweicht. Ich klemme mich hinter ein laufendes Paar. Ruhig und gleichmäßig ziehen die beiden ihre Bahn. Dann bleibe ich für ein Foto stehen und sie gewinnen Vorsprung. Minuten später trabe ich wieder hinter ihnen, ruhig und gleichmäßig. Alle paar Sekunden spielt meine Hand Scheibenwischer und beseitigt das Regenwasser im Sichtfeld. ‚Warum werden die beiden jetzt langsamer?’ Wie in Zeitlupe ziehe ich vorbei, halte stur die Pace. Zumindest glaube ich das zu tun, bis mich die Zwischenzeit an der nächsten Km-Tafel eines Besseren belehrt: Wieder einmal nur knapp über 5 Minuten gebraucht. Nicht das Laufpärchen wurde langsamer, mir geht heute einfach jegliche Tempokonstanz ab.

In diesem Astronautenanzug stürbe ich den Hitzetod! Dann doch lieber an den Händen frieren. Vor mir trabt ein grüner Mann vom Mars in hoch geschlossener Regenjacke samt übergestreifter Kapuze. Seine Füße klatschen geräuschvoll auf den Asphalt. Ob das an seinem „marsmännischen“ Laufstil liegt, oder an den … hm … vermutlich … Crossschuhen? Seine Regenjacke verursacht ein deutliches Rascheln. Patsch – raschel – patsch – raschel – patsch … und dann bin ich vorbei.

Der Wald bleibt zurück. Eine Salzburger Wohnsiedlung zieht linker Hand vorbei, dann auch rechts Wohnbebauung, schließlich ein Supermarkt. Irgendwo auf diesem Abschnitt lese ich „31“ und höre plötzlich, ziemlich nah und unverkennbar, den Reviergesang eines Kuckucks: „Gukuh, gukuh, gukuh, ….“. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie innig sich das südliche Salzburg und sein grünes Umland umarmen, der Ruf des Kuckucks in der Hellbrunner Au liefert ihn.

Ein Kuckuck. Na und? Nur ein Vogel, nicht mal ein besonders auffälliger. Kuckucksrufe höre ich nicht selten auf heimatlichen Trainingsrunden. Aber hier ist er etwas Besonderes. Jedenfalls für mich und heute. Sicher zaubert er kein Lächeln auf mein regennass vergrätztes Gesicht, aber irgendwo in mir knippst sein „Gukuh“ ein Licht an. Vielleicht komme ich auch deshalb in der Bewertung meiner Selbstwahrnehmung zu einem anderen Ergebnis. Nein, es hat sich nichts geändert: Hände am Absterben, nach wie vor Rumoren im Unterleib mit Fehlzündungen des Motors, schwaches Ziehen im unteren Rücken und staksen auf müden Stelzen. Aber woher diese Unannehmlichkeiten auch rühren mögen, fehlende Kraft ist nicht die Ursache. Die fließt stetig und die Sorge, ich könnte auf den letzten Kilometern einbrechen, ist längst der Gewissheit eines problemlosen Finishs gewichen. Nicht nur Kälte und Fotos erklären meine Unfähigkeit zur Tempokonstanz. Auch weil ich an diesem Tag einiges mehr drauf habe, als ich mir abfordere, erhöhte sich immer wieder meine Schrittfrequenz.

„Heißt du vielleicht Udo?“ Er stellt sich als Dieter aus St. Pölten in Niederösterreich vor. Wir hatten wohl schon mal irgendwann „Cyber-Kontakt“. Tief in den unsortierten Kavernen meiner Erinnerung hallt ein Echo: Ja … einer aus St. Pölten … da war mal was. Ein paar Sätze, gute Wünsche, dann zieht er davon. Mir bleibt der Spaß ein weiteres Mal auf Marathon-Pfaden erkannt worden zu sein.

Wieder vorbei am Schwimmbad. Wild gebärdet sich die Trillerpfeife, das Raunen der Zuschauer schwillt auf und ab. Also kein Schwimmwettkampf, der kennt weder energisches Pfeifen des Schiedsrichters, noch sekündlich wechselnde Stimmungslagen des Publikums. Ein Wasserballspiel! Na klar! Was sonst? Nach gelöstem Rätsel umrunde ich den Leopoldskroner Weiher ein zweites Mal. Denke ich mir die paar Marathonis weg, dann umwittert diese Wasserfläche eine geheimnisvolle Stimmung. Das machen hauchdünne Nebelschwaden und Regentropfen, die den dunkelgrünen Spiegel des Gewässers kaum verletzen. Anwohner des Teichs, die Familien Gans und Ente samt putzigem Nachwuchs, watscheln im Gras neben dem Uferweg, schnäbeln nach verstreutem Futter. Stehen, Bild und weiter.

Im Himmel ist ein Damm gebrochen und die Flutwelle rauscht auf uns runter. Schuhe und Strümpfe haben sich längst voll gesaugt. Noch sechs Kilometer und ich habe mit dem Salzburg Marathon schon abgeschlossen. In einer halben Stunde werde ich über die Ziellinie laufen. Ich sehne mich nach trockenen, vor allem warmen Klamotten. Bis auf eine hat der Regen alle Sorgen abgewaschen: Wenn schon nicht ich, dann bleibt hoffentlich meine Kamera trocken – innen, wo die empfindliche Elektronik sitzt. Keine Bilder mehr. Ich halte die Digicam in der hohlen Hand, Handrücken nach oben.

Endlich lässt der Regen nach, hört schließlich auf. Noch vier Kilometer. Seit einer Weile raschelt und patscht es neben mir, der grüne Marsmann ist wieder da. Am Fuß des Mönchsbergs entlang patschend wird es ihm dann zu bunt. Mit einer entschlossenen Bewegung streift er die Kapuze zurück und trennt sie mit einem „Ratsch“ des Klettverschlusses von der Jacke. Siehe da! Ein Mensch! – Mir ist kalt, ich hab’s eilig: Salzachbrücke, Bahnunterführung mit jazziger Combo (oder spielten die Rock und die Jazzer saßen woanders?), Schloss Mirabell, Kilometer 41. Über die Salzach, den Startbereich und schleunigst Richtung Ziel. 200 Meter orangeroter Teppich, ein Foto vom Zielaufbau und fertig.

Ich labe mich, wie man in Österreich sagt, trinke ein paar Becher Cola und auch einen mit Bier. Lauter begossene Pudel stapfen um mich her und sie gucken auch so. Dieter aus St. Pölten kommt noch einmal für einen kurzen Wortwechsel auf mich zu. Jenseits der Absperrung erhebt sich die Seitenwand des Salzburger Festspielhauses. Daran hängt ein riesiges Plakat mit dem Kopf einer jungen Frau, die Reproduktion eines Gemäldes. Es wirbt für den auf Juli bis August datierten Ohrenschmaus der Salzburger Festspiele. Recht distanziert und mit einer Spur Unverständnis betrachtet die Frau das bunte Treiben zu ihren Füßen. Quer über ihr Dekolleté gedruckt lese ich das Motto der Festspiele: „Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken.“ Ein hoher Anspruch. Da habe ich es leichter, bin fürs Erste schon zufrieden, wenn meine tiefgekühlten Hände wieder aufwachen …

Fazit zum Salzburg Marathon

Zwei Drittel der Strecke sind entweder wunderschön oder interessant oder beides. So wird niemand meckern, wenn er die Attraktionen zweimal sehen darf – schönes Wetter vorausgesetzt. Mit etwa 5.000 Teilnehmern wurde ein neuer Rekord aufgestellt, den man allerdings nicht nur positiv werten sollte. Auf der ersten Runde – und zwar nicht nur im Verlauf der Anfangskilometer – kam es immer wieder zu Behinderungen, die von der Grenzwertigkeit einer so großen Läuferschar künden. Der Veranstalter sollte ein Einsehen haben und künftig die Teilnehmerzahl begrenzen.

Die Organisation klappte reibungslos. Versorgung und Betreuung der Läufer waren gut. Zum Faktor Sicherheit der Läufer kann ich leider keine Bestnote vergeben. Schuld daran sind ungesicherte Poller, wenig mehr als einen Kilometer nach dem Start, die mich um ein Haar zu Fall gebracht hätten. Dergleichen geht gar nicht!

 

Ergebnis: 3:43:24, Platz 269 von 535, Platz 12 von 25 in M55

 

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