Vertrauenssache   –   Neuschwansteinlauf rund um den Bannwaldsee

Den Mai verbinden die Menschen mit explodierendem Grün, angenehmen Temperaturen und Sonne. Von wegen Wonnemonat: Auf dem Weg nach Schwangau regnet es umso stärker, je näher wir dem Alpenrand kommen. Auch das noch. Nicht wirklich fit und dann so ein Sch…wetter. Ines ließ sich überreden mitzukommen. Das hätte ich mal besser sein lassen. Start und Ziel liegen auf dem Gelände eines Campingplatzes am Bannwaldsee. Nach Füssen sind es von hier noch zehn Kilometer und Schloss Neuschwanstein thront nebenan. Wie oft fuhr ich auf dem Weg in die Berge hier schon vorbei? Stetes Tröpfeln begleitet uns auf dem Weg in das kleine Festzelt zum Abholen der Startnummer. 8:15 Uhr: Der Regen wird stärker, trommelt wild auf das Zeltdach. Na super! Ich beschließe unterm Vereinstrikot ein langes Unterhemd zu tragen und ziehe mich um. Ohne die dämlichen Viren im HNO-Bereich, die nur darauf lauern mich fertig zu machen, hätte ich das sicher sein lassen. Na super! Es regnet Bindfäden, ich hab’ nur ein framentarisches Training absolviert und bin halbkrank (oder halbgesund?). Samt und sonders fühlt sich das nicht nach „Laufspaß“ an. Eher ein bisschen, als wartete ich auf meine Hinrichtung …

Ohne Kenntnis der Vergangenheit bleibt das Heute verschlossen. Darum hole ich aus und erzähle erst von den Folgen meines läuferischen Absturzes im März 2009. Wegen chronischer, zuletzt unsäglicher Schmerzen verordnet mein Arzt eine Laufpause. Nach sechs Wochen steige ich vorsichtig wieder ein, jogge Bagatellen von drei oder fünf Kilometern, sogar von Gehpausen unterbrochen. Doch der Schmerz kehrt zurück. Schwächer zwar, aber nicht besiegt. Mit jeder Konsultation lüftet mein Doc den Schleier ein Stück mehr; darunter eine Wahrheit, die äußerst langsam in mein Bewusstsein sickert, weil eigentlich nicht sein kann, was nicht sein darf. Aber schließlich sehe ich ein: Es wird Monate dauern und es wird Geduld erfordern, wenn ich gewinnen will. Ultras haben Nehmerqualitäten. Deswegen drehe ich den Spieß nun um und sage dem Schmerz den Kampf an. Mein neues Wettkampfziel lautet: „Gesund werden!“. Und das steht auf meinem Trainingsplan: Die richtige Diagnose durch einen Arzt, der den Marathon einst in Weltklassezeit rannte; begnadete Hände eines erfahrenen Masseurs; Physiotherapie bei einem der Besten; viel barfuß gehen, oft barfuß laufen; Koordinationstraining aus dem Katalog des Lauf-ABC und auf der Balance-Scheibe; mindestens viermal pro Woche umfänglich dehnen, Krankengymnastik am Gerät und laufspezifisches Krafttraining je einmal wöchentlich; regelmäßige Saunabesuche und … positives Denken. Ich arbeite hart – beinahe verbissen – an meiner Wiederherstellung.

Dann der nächste ärztliche Geniestreich: Er verhängt ein Langsamlaufverbot und bestätigt, was ich seit längerem schon fühle. Kurze harte Läufe setzen mir weniger zu, als langsame 15 Kilometer und weiter. Er rät auch zu 200 Meter-Intervallläufen, um meinen Laufschritt quasi zu „reparieren“. Beschluss: Nicht mehr langsamer als 5:30 min/km und einstweilen auch nicht mehr weiter als 10 km am Stück.

Allein der Schmerz will nicht weichen … Lange nicht. Im Oktober 2009 machen wir Urlaub in Italien. Dort laufe ich durch die hügeligen Kulturlandschaften der Provinz Marken. Business as usual: Der Schmerz ist noch da, unverändert. Zurück daheim. Erster Lauf: Fast haut es mich aus den Lauflatschen, als ich nach 6, 7, 8, 9 Kilometern noch immer nichts spüre. Was ist das denn? Am Abend die Probe aufs Exempel: Dehnen der Oberschenkelrückseite; dabei zog es immer schmerzhaft. Ich fass’ es nicht! Es tut nicht mehr weh! Kurzfassung: Seither, von einem Tag zum anderen, habe ich diesen Schmerz nicht mehr gespürt. Erklärung: Chronische Zustände schmerzen weiter, auch wenn die Ursache längst beseitigt ist. Das Nervensystem „erinnert“ sich noch eine Weile daran, lernt erst nach einiger Zeit, dass keine Schmerzwarnung mehr erforderlich ist.

Auf einmal habe ich alle Geduld der Welt. Ich beschließe mit vier bis fünf Läufen pro Woche zu überwintern. Nicht weiter als 10 Kilometer und nie langsamer als 5:30 min/km. Kein sonderlich ausdauerwirksames Training. Der Körper stellt sich auf den ewig gleichen Reiz ein und das war’s dann. Einerlei. Mir geht es einzig um die Stabilität im Bewegungsapparat. Und ich muss Vertrauen aufbauen. Vor dieser Malaise vertraute ich meinem Körper rückhaltlos. Kein Scheitern in all den Jahren auf Marathon- oder Ultrastrecken, ja nicht einmal im Training, wenn ich es recht bedenke. Plötzlich ging gar nichts mehr und jetzt habe ich Angst. Angst vor dem Schmerz …

2010: Ich muss mir Ziele setzen, den Wiederaufbau planen. Dann und wann zicken die Lendenwirbel und auf dem vermaledeiten Schneegeläuf fange ich mir eine Schleimbeutelentzündung an der rechten Ferse ein. Aber das kann ich ertragen. Das hindert mich nicht am Laufen. Ich lege mich fest: Sobald der Schnee weg ist, werde ich wieder fordernd trainieren, meine Strecken verlängern und zwei Halbmarathons laufen. Im Sommer plane ich einen 25 Kilometerlauf und schließlich im September die Rückkehr auf die Marathonstrecke – sofern der Schmerz nicht zurückkehrt, füge ich meist hinzu, wenn man mich fragt. Diese Furcht vor neuerlichem Aufbrechen der Verletzung wird mich noch lange begleiten; wahrscheinlich bis ich zum ersten Mal wieder durchs Marathontor laufe …

Schnee ohne Ende. Woche um Woche verschiebe ich den Trainingsbeginn. Dann ist es endlich soweit und mir passiert ein Missgeschick: Beim Langlaufen verdrehe ich mir einen Wirbel. Laufen ist Therapie und so bin ich schnell wieder auf dem Damm. In der zweiten Trainingswoche erwischt mich dann der Knockout: Grippaler Infekt. Und das mir, der seit seinem ersten Marathon vor fast acht Jahren nicht mehr wirklich krank war. Nach Ostern gehe ich wieder in die Vollen. Zack! Ein Rückfall. Wieder fehlen mir ein paar Tage Training. Mein Immunsystem ist im Eimer oder durch das Umschalten von ewig gleichem Laufen auf ernsthafte Belastung aus dem Takt. Zwei Wochen vor dem Halbmarathon in Schwangau bin ich noch nicht wirklich weiter. Als ob mein Körper sich gegen die abverlangte Leistung wehrte. Aber egal: Ich werde das „Ding“ um den Bannwaldsee laufen und sehen was geht.

Vier Tage vor dem Neuschwansteinlauf kratzt es neuerlich im Hals. Frust, Wut, Panik und ein Jetzt-erst-recht-Gefühl wechseln in rascher Folge. Drei Tage packe ich meinen Körper in Watte und laufe keinen Meter mehr. Ines fragt: „Und absagen willst du den Lauf nicht?“ Entschlossener und kürzer kann eine Antwort nicht ausfallen: „Nein!“

Wunder gibt es immer wieder: Eine Viertelstunde vor dem Start dreht Petrus den Wasserhahn zu. Die Aufwärmrunde drehe ich einigermaßen fassungslos, denn der Himmel verspricht nicht mehr zu weinen. Das sorgt für einen Stimmungsumschwung, wie auch die unerwartete Begegnung mit Kerstin (Running-Rabbit) aus dem Forum und ihrem Charly. Mehr als ein paar Sätze sind nicht möglich, dann tauchen wir im leider recht kleinen Teilnehmerfeld ab. Das hat sich auf dem Fahrradweg neben der Bundesstraße 17 versammelt. Gerade mal 91 LäuferInnen zählt schlussendlich die Wertungsliste. Zwölf Gemeldete kapitulierten vor der vermeintlichen Wasserschlacht und nur fünf Nachmeldungen belohnten den Einsatz der vielen Helfer. Dergleichen stimmt mich immer traurig. Der Aufwand ist nahezu derselbe, ob nun 91 oder 300 Läufer auf die Strecke gehen. Und diese – wie in allen Details spürbar wird – liebevoll vorbereitete Veranstaltung hätte wahrlich einen Massenstart von Läufern verdient …

Ich suche nicht weiter nach Kerstin und Charly, vielleicht begegnen wir uns unterwegs. Startschuss (wurde wirklich geschossen oder bilde ich mir das nur ein?). Ich sehe Ines mit der Kamera und versuche eine möglichst gute Figur zu machen. Wer weiß, ob mir das anlässlich des Zielfotos noch gelingt. Ein Lächeln zum Abschied, dann überlasse ich mich dem Lauf. Überraschung: Der Verkehr auf der B17 wurde gesperrt und die ersten paar hundert Meter nutzen wir die Fahrbahn. Die Wolkendecke reißt auf. Ein paar verwaschene, blaue Flecken und Sonne für Sekunden stimmen mich optimistisch. Da lamentiert vor mir einer im blauen Trikot in Richtung Nebenmann „Ein bisschen Regen wäre nicht schlecht gewesen!“ Schon verständlich. Viele scheuen, wonach ich mich zum Laufen sehne: Wärme und Sonnenschein. Aber die Güsse vor Halbstundenfrist einzufordern, nur um … Ja, was eigentlich? Bessere Zeiten zu laufen? Kann man sich in strömendem Regen besser fühlen, als bei trockenem, nicht einmal sonderlich warmem Wetter?

Ich versuche mich laufend zu spüren, Tempogefühl zu entwickeln. Seit 13 Monaten habe ich keinen Langstreckenwettkampf mehr bestritten. Ich möchte auf den ersten Kilometern jeweils etwa fünf bis zehn Sekunden unter fünf Minuten bleiben. Kann ich das Tempo konservieren, spränge am Ende eine Zeit von grob gerechnet 1:43h ’raus. Trainingsergebnisse lassen auf diese Zeit hoffen und zwar ohne mich völlig zu verausgaben.

Runter von der Bundesstraße und auf Nebenwegen Richtung Schwangau. Wieder und wieder lugt der herzlich willkommene Stern durch die Wolken. Nach wenigen Minuten bricht der Schweiß aus allen Poren und damit steht fest: Das lange Hemd war die Fehlentscheidung des Tages. Ich streife die Ärmel hoch und verschaffe mir Linderung. „Bist du Udo?“ Sie stellt sich als „Jeany“ vor. Per Forumskontakt weiß ich, dass sie eine Bestzeit mit 1:43h anstrebt. Folglich muss sie ein Tempo vorlegen, wie es auch mir vorschwebt. Während wir ein paar Eckdaten austauschen, schweift mein Blick umher. Was für eine grandiose Kulisse die hier für uns aufgestellt haben. Vor den Gipfeln der Ammergauer Alpen erhebt sich hellgrau Ludwigs Stein gewordenes Märchen: Neuschwanstein. Nicht mal einen Kilometer daneben die gelbe, kleinere und irgendwie realer wirkende Fassade von Schloss Hohenschwangau. „Schloss Neuschwanstein steht auch noch.“ bemerke ich mit unpassender, mir selbst fremder Zufriedenheit. Eigentlich würde ich jetzt lieber die Klappe halten und mich auf den Lauf konzentrieren. Das ist so meine Art und gar nicht vom jeweiligen Mitläufer abhängig. Außerdem will ich heute Antworten hören, die mir nur meine Beine geben können.

Die Pace der beiden Auftaktkilometer liegt im vorgesehenen Rahmen. Nur passt der Puls nicht dazu. Zwar werde ich mich nicht nach ihm richten, will ihn aber beobachten. Vor Wochenfrist tickte er bei diesem Tempo ungefähr 5 bpm tiefer und kälter war es da auch nicht. Macht das der unterschwellige Infekt oder äußert sich so der Trainingsrückstand dieser Woche? Zwar geben die Beine schon angestrengte Signale von sich, aber der Rest des „Lauf-Werks“ fühlt sich wohl. Also beschließe ich das Tempo einstweilen zu halten. Als könnte sie Gedanken lesen will Jeany wissen, wie ich das Tempo empfinde. Mit „grenzwertig“ fasse ich die Mitteilungen meiner inneren Sensorik zusammen.

Fette, nasse Nebelschwaden klammern sich auf halber Bergeshöhe fest. Auch voraus im Einschnitt zwischen Ammergauer Alpen und Tannheimer Gipfeln schwappt ein gehöriger Schlag Nebelsuppe. Doch die hohen, formierten Wolken, durch die immer wieder ein paar Sonnenstrahlen dringen, versprechen einstweilen auf Regen zu verzichten. Bei Kilometer drei will die unterforderte Jeany eine Schaufel Kohlen mehr auflegen und meldet sich ab. Auch wenn ich fortan meine Leidenschaft schweigend zu laufen hemmungslos ausleben kann: Den Lauf in angenehmer Gesellschaft zu verbringen hat auch was. Aber schneller will ich nicht, weil es mutmaßlich gar nicht geht. Zudem scheint es mir vernünftiger mich an niemandes Schritt zu koppeln, da ich nicht weiß, welche inneren Ungeheuer mich auf den verbleibenden 18 Kilometern noch anfallen und mein Tempo auffressen.

Die ersten Häuser der Ortschaft Schwangau ziehen vorbei. Impressionen innerorts: Kreuzungen, kaum belebte Straßen, Absperrposten, ein Mann mit Einkaufstasche. ‚Was kauft der am Sonntag ein und wo? Semmeln beim Bäcker vielleicht?’ Ich passiere die Therme von Schwangau. In dampfenden Freibecken kreischen ein paar Kinder. ‚Um diese Zeit schon im Spaßbad?’ Gleich geht es scharf nach rechts. Aus einer Einfahrt setzt rückwärts ein Auto. Vorbei. Vorbei auch an Mutter mit Kind. Sie applaudieren den Läufern. Rechts ab. Hinter mir die entrüstete Kinderstimme: „Aber hier darf der doch jetzt nicht Autofahren!“

Erneuter Rechtsschwenk und damit laufen wir in Richtung Nordost aus der wir kamen. Der erste Verpflegungsstand: Ich lasse mir einen Becher Iso reichen. In vollem Lauf trinken? Kann klappen, muss aber nicht. Ein Schluck Flüssigkeit erreicht meinen Magen („Angewärmt!“ registriert er dankbar). Der Rest ergießt sich leicht klebrig über Shirt und Hand. Fünf Kilometer sind um und die Uhr zeigt 24:35 min. Das passt soweit und auch die Anstrengung bewegt sich in verträglichem Rahmen. Nur der Puls spricht eine andere Sprache. Wenn der Muskel so flott pumpt, fühlt sich das sonst grenzwertiger an. Was ist da los heute? Ich entscheide das Messgerät zu ignorieren und meinem Laufgefühl zu folgen: Tempo halten!

Schwangau liegt hinter mir und Jeany noch in Sichtweite, etwa dreißig, vierzig Meter voraus. Mein Tempo haltend habe ich erwartet sie langsam davon ziehen zu sehen. Auf verkehrsfreien, asphaltierten Wirtschaftswegen traben wir durch ein Stück flaches Allgäu. Wiesen, hier und da mit weidendem Vieh, grüne Hügel links und voraus, rechter Hand die jäh aufragenden Flanken der Ammergauer Alpen. Man kann den sonntäglichen Landfrieden geradezu greifen. Die inzwischen weit auseinander gezogene Läuferkette verstärkt den Eindruck.

‚Eigentlich geht es mir gut! Ja, jetzt. Und was ist morgen? Morgen packt dich wieder die Sch… Erkältung!’ Rede und Gegenrede dieser Art formt mein Kopf alle paar Minuten. Hätte ich auf den Lauf verzichten sollen? Immer wieder, meist im Training, seltener im Wettkampf, stellt man als ehrgeiziger Läufer sein Pensum in Frage. Im Grunde bei jeder Schwierigkeit, bei jedem Schmerz, anlässlich jeder Schwäche. War es zuviel? Ist es jetzt zuviel? Du darfst nicht übertreiben, willst aber auch nichts verschenken. Der Wille zur Leistung verdonnert dich zur unablässigen Gratwanderung ohne Seilsicherung. Deshalb stellt sich nicht die Frage, ob, sondern nur wann du abstürzt. Und natürlich wie tief du jeweils fällst. Krankheiten, Verletzungen resultieren aus Überlastungen. Aus Grenzüberschreitungen gegen die Fähigkeit deines Körpers sich nach ehrgeizigen Belastungen zu erholen; unabsichtlich, oft sicher auch fahrlässig.

Kilometer 7 und 8: Wollen die Füße trocken bleiben, müssen sie immer wieder Pfützen umkurven. Obwohl es schon eine Stunde nicht mehr geregnet hat, trocknet die Straße nicht ab. Eigentlich hoffte ich auf den Anblick des Forggensees. Der kann nicht weit weg sein, wenn ich die Streckenkarte richtig erinnere. Allerdings verbirgt er sein Ufer unablässig hinter grünen Allgäuer Hügeln. Kilometer 9: Die Uhr zeigt knapp über 44 min. Ich habe mein Tempo gehalten und bleibe auf Jeanys Fersen. Wider Erwarten kann sie sich nicht absetzen, was aber eigentlich hätte geschehen müssen, um wunschgemäß zu finishen. Immerhin stehen hinter Kilometer 10 einige Steigungen an und die rauben uns sicher eine Minute, wenn nicht mehr.

Ein begrünter Riegel baut sich quer zur Laufrichtung auf und prompt beginnt die Straße erstmals zu steigen. Ich nehme Tempo raus, will mich nicht 11 Kilometer vor dem Ziel schon verausgaben. Ein Schild: „Verpflegung in 200 m“. Na super! Ausgerechnet am Ende des Anstieges, wo einem das Trinken noch schwerer fällt. Ich entscheide mich für einen Schluck Wasser und diesmal gelingt der Dressurakt „Trinken in Bewegung“ ohne Verluste. Es geht wieder sanft bergab und ich trachte die verlorenen Sekunden aufzuholen. Und nun wieder lang gezogen bergan. Der Tacho am Handgelenk meldet Drehzahlen, die mir nicht gefallen. ‚Das macht mich auf Dauer fertig! Ach Unsinn. Die Anstiege dauern nicht ewig und ein paar Minuten mit hohem Puls – das hältst du schon aus.’

Wieder einmal habe ich Jeany im Blick. Der Abstand verkürzt sich jetzt wieder. Vorhin ließ sie in unsere Unterhaltung einfließen, dass Berge ihr nicht behagen. Vielleicht steckt sie deshalb zurück. Die Sache gestaltet sich nun zweifelsfrei härter. Aber dafür entschädigen Ansichten beidseits des Weges. Satt- und hellgrünes, hügeliges Allgäu. Dann und wann prächtige, alte Aussiedlerhöfe und ein weiterer idyllischer, für mich namenloser Weiher. Um die Postkartenmotive richtig zu genießen, bin ich zu sehr mit mir selbst, mit meiner Wiedergeburt als Wettkämpfer beschäftigt.

Kilometer 12, 13, 14: Ein Anstieg folgt dem anderen und immer mehr Zeit geht verloren. Meine durchschnittliche Pace ist auf fast 5 min/km gesunken. Schlimmer hat es Jeany erwischt: Ich trabe wieder auf Schrittweite hinter ihr. So etwas kann einen demotivieren und darum habe ich zunächst Hemmungen sie zu überholen. Auf gleicher Höhe belehrt mich ihr Lächeln eines Besseren. Vielleicht kann sie sich ja dran hängen und ich ziehe sie ein bisschen? Entschlossen halte ich Tempo, gehe in Führung und horche auf die Schritte hinter mir. Eine Weile glaube ich sie noch zu hören, dann bin ich wieder allein.

Wo ist eigentlich der Bannwaldsee? Vom zwischenzeitlich erklommenen Höhenzug schweift der Blick frei in Richtung Berge über eine Senke. Vom Bannwaldsee jedoch ist weit und breit nichts zu sehen. Endlich scheint die Kletterphase des Laufes hinter uns zu liegen. Noch sechs Kilometer bis zum Finish. Auf zeitweilig abgesperrter Straße und nun abwärts erreichen wir den Weiler Berghof. Binnen weniger hundert Meter gibt die Strecke die abverlangten Höhenmeter zurück. Unmöglich in diesem steilen Abschnitt die eingebüßte Zeit auch nur annähernd wettzumachen. Zumindest versuche ich es und fetze in unbotmäßigem Tempo durch Wohnstraßen. Zum x-ten Mal horche ich in mich hinein. Ihr wisst schon: Die Sache mit dem fehlenden Vertrauen in den eigenen Körper … Es fühlt sich nicht hässlich an. Also lasse ich es laufen und erreiche bald wieder offenes Terrain. Noch fünf Kilometer.

Noch fünf Kilometer? Aus den Beinen erreichen mich erste Überlastsignale. Kann ich nicht beschreiben. Einfach ein Gefühl zu schnell zu sein. Was ist wenn ich übersäuere? Fünf Kilometer sind verdammt weit, um sie mit laktat-gesättigten Hax’n durchzustehen. Andererseits: Nur in den Beinen fühle ich das Limit. Die übrigen Ampeln zeigen grün. Eigentlich passt das nicht zusammen. Und mit dem Puls schon gar nicht. Mein Herz klopft in Bereichen, die sonst eher Intervallläufen vorbehalten sind. Und bevor ich es vergesse: Wollte ich nicht eigentlich „submaximal“ laufen?

Was immer mir durch den Kopf schießt, es bleibt ohne Konsequenz. Eine Mehrheit in mir will das jetzt so durchziehen. Auch wenn die Oberschenkel immer dicker werden. Noch vier Kilometer. ‚Verdammt immer noch vier Kilometer.’ Von ferne lockt ein Silberstreif, das Ufer des Bannwaldsees. Fünfzig Meter vor mir rennt eine Läuferin im roten Dress. Mein Zielverfolgungssystem schaltet auf. Ob ich will oder nicht. Der denkende Teil in mir distanziert sich: ‚Ich kämpfe nicht gegen die Frau! Ich mache hier nur mein Ding!’ Ein anderer Teil, der ungezügelte, registriert jeden Meter verkürzte Distanz und freut sich darüber. Sinn ergibt das keinen, aber es hilft.

Noch drei Kilometer und meine Oberschenkel beschweren sich vehement. Ich bemühe Erfahrungen: ‚Hab’ ich Ähnliches schon mal durch gestanden? Wann? Wo? Keine Ahnung, aber ich kenne das und ich schaffe es. Ja. Schon möglich. Aber was wird morgen sein?’ Ich unterdrücke den letzten Gedanken. Wie gegen die Dämonen der Schwäche obsiegen, wenn ich mir einen mentalen Kinnhaken verpasse? Immer näher schließe ich zur Roten auf. Gleich ist der Radweg neben der Bundesstraße 17 erreicht. Noch zwei Kilometer. Jetzt schrillen im ganzen Körper die Alarmsirenen und der Pulsmesser zeigt mir einen Vogel. Aber hat der sich nicht schon die ganze Zeit über daneben benommen? Hat er! Und wieder einmal fühle ich mich in meiner Überzeugung bestärkt, dass man sich auf der Wettkampfstrecke keinem Herzfrequenzmesser anvertrauen darf. Entweder entwickelt man ein (Lauf-) Gefühl für das was geht oder nicht.

Vorbei an der Frau in Rot und schon trabe ich auf dem Radweg. Links, hinter der Leitplanke, rauschen Autos vorbei. Wir folgen jetzt dem Seeufer. Wer erwartet, er könne am Seeufer die letzten anderthalb Kilometer flach ins Ziel fliegen, wird enttäuscht. Zu dicht liegt der See an den jäh aufragenden Flanken der Berge. Immer wieder kurz und sanft runter. Immer wieder kurz und sanft rauf. Kurz und sanft, dennoch fährt mir jede Bodenwelle mit Macht in die Beine. Eigentlich wollte ich auf dem letzten Kilometer zum Schlussspurt ansetzen. Nach finalem Aufbäumen vielleicht doch noch unter 1:44h ankommen. Noch ein Kilometer. Ich versuche den Kraftakt, treibe mich an, beschleunige meine Schritte. Mann tut das weh. Sicher verrät mein Gesicht, was entfesselte Wettkämpfer in dieser Situation fühlen: Warum tue ich mir so was an?

Die Einfahrt zum Campingplatz kommt in Sicht. Ein paar Körner sind noch übrig. Ich drehe noch ein bisschen auf, renne mit Oberschenkeln so dick wie Kürbisse. Die müssen gleich platzen. Bin auf dem Campingplatzgelände. ‚Komm! Gib alles!’ Ein paar Zuschauer applaudieren. Vereinzelt Bravo-Rufe. Ich sehe die Zielgasse. Und ich sehe Ines. Sie wird ein Foto machen. ‚Los lächle!’ Ich lächle nicht. Das wär’ gelogen. Was ich fühle entspricht keinem Lächeln. Der Sprecher begrüßt mich mit Namen und Verein. Durchhalten. Die letzten Meter. Und dann bin ich erlöst. Auf die Oberschenkel gestützt spüre ich, wie sich der Sturm in mir legt …

Persönliches Fazit: Mit 1:44:12 erreichte ich die angestrebte Zeit. Allerdings hatte ich gehofft dafür nicht am Limit laufen zu müssen. Wie die Zeit einzuordnen ist, wird erst die nähere Zukunft zeigen. Bedenkt man den miesen Verlauf meines Trainings und die lange Abstinenz vom leistungsorientierten Laufen, darf ich mich über dieses Ergebnis sicher freuen. Auf dem langen Weg zurück zum Marathon kann ich eine Station abhaken. Zwar zickte die Pomuskulatur rechts auf dem letzten Drittel wieder ein wenig, jedoch nicht relevant schmerzhaft. Vom eigentlichen Übel war auch in diesem Lauf nichts zu spüren. Das nährt meinen Optimismus, trotz aller Knüppel, die mir mein Körper derzeit zwischen die Beine wirft, den richtigen Kurs zu steuern.

Ines' Fazit: Ein schöner Spaziergang und ein fast einstündiges Trainingsläufchen mit Roxi, beides gottlob ohne Wasser aus der himmlischen Gießkanne, lohnten das Mitfahren. „Schön war's, wenn man vom frühen Aufstehen am Sonntag absieht!“

Veranstaltungsfazit: Am Neuschwansteinlauf rund um den Bannwaldsee gibt es rein gar nichts auszusetzen. Ambitioniert, routiniert, exakt und mit viel Liebe haben die Sportler vom TSV Schwangau eine Laufveranstaltung abgewickelt, die viel, viel mehr Läufer und Läuferinnen verdient hätte. Die sanitären Anlagen des Campingplatzes waren hervorragend und erleichterten die Vor- und Nachbereitung. Im Übrigen genießt man das Geschenk durch eine traumhaft schöne Landschaft zu laufen, die ihresgleichen nirgendwo findet. Nicht nur wegen Schloss Neuschwanstein, erstickt die Gegend sommers wie winters im Tourismus. Der aber hält sich Anfang Mai und morgens um neun noch deutlich im Rahmen.

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