Eine tiefe, geheimnisvolle Beziehung   –   Treviso Marathon 2009

Manchmal treibt der Zufall seltsame Blüten. Wirklich der Zufall? Oder bringt eigenes Handeln, unbewusst zielgerichtet, auf verblüffende Weise zusammen, was zueinander in keiner Abhängigkeit steht? Das folgende mutet jedenfalls so wahrscheinlich an wie ein großer Lotteriegewinn: Seit Jahren verstaubt die Schwarte im Bücherregal, besteht lediglich die vage Absicht sie zu lesen. Zu einem Wälzer von über 1.000 Seiten greife ich ungern. Zeit fehlt und ein bisschen der Mut; zumal, wenn ein Titel wie „Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts“ mit harter Lesearbeit droht. Trotzdem legte mir ein rätselhafter Drang die Lektüre kürzlich in die Hand. So auch jetzt, zwei Stunden nach dem Marathon Finish: Frisch geduscht und maßvoll erschöpft sitze ich in einem der Sessel unseres Zimmers und lese. Mal ehrlich: Erwartest du in einer Abhandlung zur deutschen Geschichte italienische Querverbindungen? Ja? Mein Pech, denn anscheinend bist du profunder Kenner des Werdegangs der deutschen Nation. Dann eben dies: Um mich durch das jahrelang aufgeschobene Tausend-Seiten-Werk zu fressen, brauche ich grob gerechnet zwei, drei Monate. Und ausgerechnet an einem der wenigen Tage in Treviso, Provinz Venetien, Norditalien, schlage ich unter 120 möglichen Kapiteln exakt dieses auf: „Einigung Italiens“. Wirklich Zufall?

Seiten später, im nächsten Abschnitt, schreibt Golo Mann über Italiener und Deutsche: „ … eine tiefe, geheimnisvolle Beziehung und Nachbarschaft hatte zwischen den Schicksalen beider Völker von jeher bestanden.“ Das zu verstehen braucht es heute keine Betrachtungen unheilschwangerer Historie. Ein Blick aus dem Fenster genügt. Regen! Strömender, kalter, deutscher Regen in Bella Italia. Düsterer, grauer Germanenhimmel verdrängt „O sole mio“ und „Azzurro“. Seit beinahe 24 Stunden weint der Himmel über Treviso und fast vier Stunden davon erlebte ich laufend …

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Was immer mir dieser Marathon bringen mag, meine Begeisterung für die Italiener im Allgemeinen und Laufveranstaltungen hierzulande im Besonderen wird davon keinen Schaden nehmen! Das Staunen beginnt mit der geradezu lächerlichen Startgebühr von 30 Euro, die alles einschließt: Den Transponder für die Zeitmessung ebenso wie Streckensperrung und Versorgung auf 42 Kilometer Straße; eine kombinierte Zug- und Busfahrt zum Start, die Pastaparty vor oder nach (!) dem Lauf mit Nudelgericht, Fleischspieß und Wurst. Vorneweg das Startpaket mit Finisher Shirt, Isogetränk, diversen Probepackungen, hinterher die Finishermedaille und reichhaltige Sofortversorgung; überall zupackende, gut gelaunte Hände, die von „Partenza“ bis „Arrivo“ reibungslose Abläufe gewährleisten. Dergleichen erlebte ich schon mehrmals in Italien, aber nie so perfekt für so wenig Geld, anlässlich eines relativ großen Laufes von 4.000 Teilnehmern. Dazu kommt die angeborene Freundlichkeit und ehrliche Hilfsbereitschaft aller Offiziellen, wenn man sie braucht. Und wir haben viele Fragen, verpackt in italienische Brocken und unzulängliche englische Sätze. Einfach fantastisch! Und so bin ich wild entschlossen mir den morgigen Lauf von nichts und niemand verderben zu lassen. Nicht vom Wetter – kühl und regnerisch soll es werden – und erst recht nicht von meinen nervigen Schmerzzuständen. Ich will die Faszination Marathon noch einmal genießen, vielleicht zum letzten Mal für lange Zeit.

Seit fast zwei Wochen steht meine Entscheidung, alle ehrgeizigen Saisonpläne zu kippen. Kein leichter Ratschluss, denn ich zog alle Register, um den Karren in voller Fahrt wieder flott zu bekommen. So was geht, wenn die Defekte nicht zu schwer wiegen. Nach dem Bienwald Marathon steigerte ich das Pensum probehalber. Darauf reagierte mein Fahrwerk im Bereich Ferse und Pobacke äußerst beleidigt. Also füge ich mich in das Unausweichliche. Was ich dann noch in Treviso will? An der Börse nennen sie es „Gewinnmitnahme“: Der Kurzurlaub ist gebucht, die Anmeldung fix. Damit die „Knochen“ zur Ruhe kommen habe ich 10 Tage kaum trainiert. Was ich an Grundlagen aus besseren Tagen mitbringe muss mich heute über diese 42 Kilometer tragen. Zielzeit? Mit 5:30 min/km werde ich einsteigen, wäre demnach ungefähr 3:50 Stunden unterwegs. Aber ich fasse auch einen Tabubruch ins Auge: Irgendwann werde ich das erste Mal über vier Stunden für den Marathon brauchen. Also warum nicht in Treviso, wenn es mir hilft? Nicht mehr und nicht weniger: Ankommen und noch einmal Spaß haben!

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Abrupt und mitten in der Nacht wache ich auf, von beunruhigendem Prasseln geweckt: Draußen schüttet es! Das wird schon wieder aufhören mache ich mir Mut und schlafe weiter. – Wieder wach, jetzt hellwach. Macht nix. Schon 6 Uhr, in ein paar Minuten muss ich ohnehin aufstehen. Ich lausche: Hat das Rauschen vorm Fenster abgenommen oder bilde ich mir das ein, weil es meine Hoffnung auf einen Marathon im Trockenen nährt? Faktum: Es regnet noch immer. Bis zum Start wird es schon noch aufhören, beruhige ich mich. Hastig und ohne Appetit würge ich mein Frühstück runter. Ich darf den Zug nicht verpassen! Mindestens zehn Minuten dauert der Marsch zum Bahnhof von Treviso. Abfahrt 7:19 Uhr. Ines’ innigste Wünsche begleiten mich. Sie wird mich in Zielnähe erwarten, kann so noch ein paar Stunden schlafen. Meine Nacht war kurz. Eine zusätzliche Stunde fehlt wegen der Umstellung auf die Sommerzeit. „Ricordati di spostare in avanti die un’ora le lancette dell’orologio!“ Man soll daran denken den Zeiger der Uhr um eine Stunde vorzustellen mahnt Fettdruck im offiziellen Hinweisblatt des Treviso Marathon.

‚Na also, das ist doch gar nicht so schlimm’ rede ich mir das stete Tröpfeln schön und spanne meinen Regenschirm auf. Natürlich erreiche ich den noch leeren Bahnsteig lange vor Abfahrt des Zuges; bin schließlich deutscher Abstammung. Eine Viertelstunde später, als der Zug auf die Minute „precisamente“ einfährt, steht der Bahnsteig kurz vorm Bersten: Hunderte meiner italienischen Mitläufer drängen zu den Einstiegen. Und doch findet jeder einen Sitzplatz. Regenfeucht spannt sich die Trainingshose über meine Oberschenkel. Einerlei. Bis wir in Vittorio Veneto ankommen, wird sie getrocknet sein. Und dann hat es vielleicht auch aufgehört zu regnen …

Mein Gegenüber startet den Versuch einer Konversation. Der Zug steht noch im Bahnhof und ich verstehe Bahnhof. Deshalb informiere ich, begleitet von dem mir zu dieser frühen Uhrzeit liebenswürdigst möglichen Lächeln: „No parle Italiano. Soy Tedesco!“ Offensichtlich versteht er mein peinliches Kauderwelsch aus italienischen und spanischen Fragmenten. Immerhin stellt er mich meinem Sitznachbarn, der gleichfalls das Wort an mich richtet, als sprachlosen „Tedesco“ vor.

Eine graue, abstoßend nasse Landschaft zieht vor dem Fenster vorbei. Spärliches Frühlingsgrün an noch überwiegend kahlen Ästen ist im fahlen Zwielicht kaum auszumachen. Bisweilen gaukelt mir das schnelle Dahingleiten ein Ende des Regens vor. Ein Zehntelsekundenblick auf die gekräuselte Oberfläche einer vorbei huschenden Pfütze reicht, um mir diese Illusion wieder zu rauben. Zweimal halten wir, nehmen weitere Läufer an Bord. Acker um Acker, Ortschaft um Ortschaft lässt der Zug in beachtlicher Geschwindigkeit hinter sich. Er fährt und fährt und fährt … „Accuratamente“ das und nicht der Regen, verschafft mir ein mulmiges Gefühl in der Magengegend:
Wie lange sich doch   z-w-e-i-u-n-d-v-iiiiiii-e-r-z-i-g   Kilometer ziehen! Und wenn ein Zug schon so lange braucht …

Vittorio Veneto: Mit getrockneter Hose, leider wieder unterm Schirm, beeile ich mich beim Wechsel des Transportmittels. Keine Minute vergeht beim Entern des erstbesten in einer langen Reihe aufgefahrener Busse. Wenn es sie je gegeben haben sollte, die italienische Unzuverlässigkeit, im Zeittakt dieses Marathons hat sie keinen Platz. Nicht mal eine Viertelstunde nach Ankunft des Zuges, zwei Kilometer entfernt vom Bahnhof, verlassen wir den Bus und werden Teil der Prozession Richtung Startgelände.

8:45 Uhr, noch eine Stunde bis zum Start. Mit hunderten anderer LäuferInnen finde ich Obdach unterm Vordach eines großen Einkaufszentrums. Laut Infofaltblatt müssen die Kleiderbeutel, die „Sacce“, spätestens um 9 Uhr abgegeben sein. Zwar schenke ich der Verbindlichkeit dieser Anweisung wenig Glauben, erinnere mich andererseits an die chaotischen Zustände beim Venedig Marathon 2006. Dort stauten sich Läufermassen vor den Ladeflächen der Lkw, weil viele ihre Habseligkeiten auf den letzten Drücker loswerden wollten. Natürlich ist solches Verhalten vorhersehbar und eine gute Organisation baut entsprechend vor. Hat man das beim Treviso Marathon im Griff? Dem Reglement gehorchend pelle ich mich aus warmen Häuten und stehe fröstelnd in Kurztight und langem Hemd. Mit einem ärmellosen Plastiküberwurf wappne ich mich notdürftig gegen 10°C kalte Luft, Regen und Wind. Eine aufgerissene Plastiktüte über dem Kopf vervollständigt meine improvisierte Rüstung. Gegen 9 Uhr mache ich mich auf den Weg zu den Lkw. Keine Ahnung wo die stehen, also schließe ich mich dem endlosen Zug „bebeutelter“ Ameisen an.

9:05 Uhr, noch 40 Minuten bis zum Start. Beutel abgegeben, auch diesen Akt ohne jede Reibung vollzogen. Im Sicht-, Wind- und Regenschatten eines der Kleider-Lkw erledige ich noch einmal Menschliches. Ein paar Clevere wollen den Start hier abwarten. Udo will auch clever sein, schafft das aber nur zwei Minuten. Dann heulen die Motoren der schweren Transportfahrzeuge auf und ungeduldiges Hupen setzt ein. Die machen tatsächlich ernst! Läufer hasten panisch herbei. Letzte, hektisch geworfene Beutel landen auf Ladeflächen. Niemand sortiert sie mehr. Klappe zu und ab! Nicht mal Viertel nach Neun und alle Transporter sind weg. Und was ist jetzt mit den vielen „Sacce“, die ich noch in Läuferhänden ausmache? Damit war nicht zu rechnen. Daheim bei den Teutonen vielleicht, aber doch nicht hier im Land der Welschen. Oder steckt in Golo Manns Anmerkung mehr Wahrheit als er selbst wohl vermutete? „ … eine tiefe, geheimnisvolle Beziehung und Nachbarschaft hatte zwischen den Schicksalen beider Völker von jeher bestanden.“

Nächster Termin: Bis spätestens 9.30 Uhr hat die Laufherde in den Startkäfigen zu stehen. Das nehme ich nun wirklich nicht ernst. Wie wollte ein liebenswürdig dreinblickender „funzionario“ oder eine nette „assistente“ einen zu allem entschlossenen Germanen am Betreten seines Startblocks hindern? Und vor allem: Warum sollten sie? Also beziehe ich erst einmal Stellung im Windschatten einer Mauer gegenüber meines Startblocks. Genauer: Im Grunde steht da eine Karikatur von Udo, denn „granatendoof“ aus der „Plastikwäsche“ zu gucken gilt mir auch ohne Spiegel als gesicherte Erkenntnis. Urplötzlich überkommt mich Mut zur Hässlichkeit und so entsteht ein Selbstporträt. Überhaupt ist es an der Zeit meinen Berichterstatterpflichten nachzukommen. Regenmäntel und Schirme dominieren die ersten Fotos. Was auch immer Wasser abzuweisen verspricht, nutzt man als Hülle für Körper und Kopf. Manche verpackten sogar ihre Schuhe in Mülltüten, um möglichst lange in trockenen Socken zu laufen. Also gut, ich kann mich der Wahrheit nicht länger verweigern: Der Lauf wird im Regen beginnen. Aber ganz bestimmt hört es nach den ersten Kilometern auf. So muss es kommen, denn es regnet schon stundenlang und schließlich sind wir hier in Italien.

Ich habe mich in den Startblock „3:30h bis 3:59:59“ eingeschlichen. Eingeschlichen, weil die grüne Startnummer eigentlich das Recht auf einen Startplatz im schnelleren Nachbarblock einräumt. Eingeschlichen auch, weil italienische Veranstalter Kontrollen beim Betreten des Startkäfigs ernst nehmen. Der Regenüberwurf verbirgt die Startnummer und so rausche ich zu allem entschlossen an den Offiziellen vorbei; nicht Willens noch weniger fähig etwaige Erläuterungen abzugeben. Ich stehe am Ende des Startblocks nahe bei den 4:00h-Pacern. Noch 10 Minuten. Einige gucken in der Weise missmutig wie ich mir mein eigenes Konterfei im Moment vorstelle. Im überwiegenden Teil der Läuferschar scheint die italienische Fröhlichkeit allerdings unverwüstlich. Plötzlich aufbrandenden Jubel missdeute ich als Startsequenz und werfe eilig die schützenden Häute ab. Noch „quatro minuti!“ tönt es aus den Lautsprechern. Alsbald beginne ich zu zittern und bereue meinen Fehler inständig. Schließlich ist es soweit: Unfeierlich, unspektakulär, ganz und gar verregnet. Gab’s einen Startschuss? Ich höre nur die sich überschlagende Stimme aus allgegenwärtigen Trichterlautsprechern. Italienische Vokabeln reihen sich in nimmer versiegendem, wildem Stakkato aneinander; Satzteile, Wörter, ohne hörbare Pause ausgestoßen, nur an ihrer Betonung unterscheidbar. Der Einpeitscher drängt zum Laufen und ich laufe …

Hab meinen Schwur von gestern nicht vergessen, will genießen. Aber was? Vom historischen Ortskern Vittorio Venetos sehe ich nichts, weil sich der Marathon-Aufgalopp außerhalb auf breiten Straßen vollzieht und baldigst Richtung Süden schwenkt. Landschaft genießen? Vittorio Veneto wird von den ersten hohen Bergen Oberitaliens umrahmt, keine 50 Kilometer nördlich der adriatischen Küste. Aber markante Erhebungen sehe ich heute nicht, dafür hängen die Wolken zu tief. Egal genießen! Stete Laufbewegung ersetzt unwillkürliches Zittern, dennoch friere ich, bin noch nicht eingelaufen. Auch vereinzelte Anfeuerungsrufe beschirmter Enthusiasten können daran nichts ändern: „Forza ragazze! Bravi, bravi!“ Häufig raschelt oder knistert es um mich her, wenn ein Mitläufer im Plastiküberwurf in Hörweite trabt. Ich friere auch nicht gern, mag mir dennoch Laufkilometer in dergestalt erstickender, schweißtreibender Aufmachung nicht vorstellen. Also los jetzt – genießen. Na gut, es regnet stetig und nass bin ich auch schon, keine fünf Kilometer hinter der Startlinie. Aber es könnte schlimmer sein und bestimmt ist die himmlische Gießkanne bald leer!

Zehn Kilometer sind demnächst geschafft, Zeit für die erste Zwischenbilanz: Die linke Ferse schweigt still. Das habe ich erwartet. Da steckt eine Schleimbeutelentzündung drin, sagt mein Arzt und der muss es wissen. Mit Arnika von außen und innen samt Laufuntätigkeit gelang es mir in der letzten Woche diesem Teufel die Hörner zu brechen. Die Pobacke rechts, das eigentliche Problem, mosert leise vor sich hin, stört aber nicht körperlich, stört höchstens als Drohung. Der Schmerz wird aufflammen, das ist sicher. Die Frage ist nur wann. Wirklich kaputt ist da nichts, wie ich seit Donnerstag weiß. Mein Doc schickte mich in die Röhre, um einen Ermüdungsbruch im Bereich des Beckens auszuschließen. Das MRT zeigte überanstrengte Sehnen am Beckenansatz, aber keine Defekte. Wär’ was kaputt, säße ich jetzt trocken beim Frühstück …

Mein Tempo hat sich bei 5:20 min/km eingependelt. Ein bisschen forscher als beabsichtigt, dennoch kaum fordernd. Entsprechend begnügt sich mein Herzmuskel mit durchschnittlich 77 Prozent maximaler Pumpleistung. 53 Minuten meldet die Uhr nach den ersten zehn Kilometern. Das scheint mir nun doch ein wenig unvorsichtig. Immerhin bin ich ernsthaft gehandicapt und sportlich geht es um nichts, um rein gar nichts! Nur Spaß haben, ehrenvoll ankommen und morgen den Kurzurlaub frohgemut fortsetzen können. Auch mein unverlangt abgegebenes Versprechen kommt mir in den Sinn: „Eher als 3:50h werde ich auf keinen Fall im Ziel!“ sein. Mehr als einmal habe ich mich von einem tollen Lauferlebnis zu Torheiten hinreißen lassen; rannte wie entfesselt, Lauftaktik und Rücksicht auf das große Ganze ignorierend. Aber versprochen ist versprochen und wird auch nicht gebrochen. Also ziehe ich nun die Handbremse an.

Vorhin schloss der Himmel für ein, zwei Minuten seine Schleusen. Wirklich? Oder bilde ich mir ein das erlebt zu haben. Jedenfalls regnet es jetzt wieder. Und wenn es stundenlang unausgesetzt plätschert, man triefend vor Nässe durch die Gegend rennt, wer will da noch einschätzen wie intensiv es regnet. Im Grunde kümmert’s mich auch nicht. Der Blick über den Straßenrand hinaus gestaltet sich so oder so trostlos. Nicht, dass ich den allzu oft wagen würde; meist kleben die Augen am nassen Asphaltband, emsig bemüht in keine Pfütze zu treten. Rechts und links der Straße ziehen in selten unterbrochener Folge Anwesen vorbei: Wohnhäuser, Kleingärten, Betriebe, Werkstätten, Autohäuser, Supermärkte und dergleichen mehr. Langweilig. Und gelingt ein Ausblick darüber oder dazwischen hinaus, so fängt er sich in der nach wie vor niedrigen Wolkendecke. Schwer, grau-düster, formlos – mit einem Wort: regenschwanger – hängt es über brettflachem Land. Stückweit im Westen wölben sich Hügel, dahinter sicher höhere. Ohne Sicht und Sonne nur zu ahnen. Ob das noch was wird mit dem Genießen? Aber es kann ja jeden Moment aufhören zu regnen.

Das Ortsschild gibt ein kleines Versprechen: Conegliano! Im Reiseführer las ich vom historischen Zentrum und einer malerisch auf dem Hügel thronenden Burganlage. Zunächst nichts von alledem; stattdessen das kilometerweit Übliche: Autohäuser, Super- und Baumärkte, ausgedehnte, mangels Beschilderung oder Sprachkenntnis nicht näher bestimmbare Gebäudekomplexe. Öde. Conegliano ist kein Ort. Conegliano ist eine Stadt. Kilometer um Kilometer ziehen Fassaden vorbei; moderne, keine sonderlich sehenswerten. Durch eine Straßenschlucht voraus greift mein Blick nach einem Hügel, sucht nach der Burg, nach dem optischen Trostpflaster. Das wird nicht gewährt. Geschäfte links, Cafes rechts, Banken, Versicherungsagenturen, Tankstellen, Trattorias, mal ein Park. Brücke über ein mir namenloses, trübes, nach zig Regenstunden beinahe reißendes Flüsschen. Wo ist das „Centro Storico“, die Altstadt? Man leitet uns auf der Hauptstraße dran vorbei, was ich jedoch erst zwei Tage später bei einem Spaziergang mit Ines begreife.

Immer noch Conegliano. Seit fünf, sechs Kilometern schon. Es gibt einfach nichts zu sehen. Immer wieder Zuschauer unter Regenschirmen. Die schon und trotz miserablen Wetters. Sie überhäufen besonders die wenigen weiblichen Teilnehmer im Feld mit Begeisterung. Immer wieder werde ich auch Zeuge überschwänglicher Begrüßungsrituale, wenn nasse Pudel namens Francesco, Antonio, Mauro, Fabrizio oder Giuseppe von Freunden erkannt werden. Ansonsten dominiert stoisches Schweigen im Feld. Vielleicht erinnere ich mich gerade deshalb so deutlich an diverse gut gelaunte Wortwechsel oder einzelne, minutenlange Gespräche. Italienischer Frohsinn, so will mir scheinen, überlebt auch diese Marathon-Wetterkatastrophe.

Kilometer 16 vorbei. Ich fixiere dicke Baumstämme am Straßenrand. Die Blase drückt. Welchen Weg sonst sollte das innere Wasser nehmen? Schweißtropfen werden heute kaum vergossen. Nach kurzer Zwangspause reihe ich mich wieder ein. Ein Hütchen schützt ihr wuscheliges Kopfhaar vor zuviel Wasser. Sie ist etwa 45 Jahre alt, südländisch klein gewachsen und als wir auf gleicher Höhe laufen spricht sie mich an. Meine fehlenden Sprachkenntnisse ersticken das Gespräch im Ansatz. Wieder verwende ich die falsche, aber gut verständliche Formel und bringe sie damit zum Schweigen. Schade eigentlich. Ein paar Minuten Läufergarn spinnen, vielleicht gemeinsam auf das Wetter schimpfen, bedeutet kurzweilige Kilometer und tut gut.

Links ein Schild; drauf steht, quer durchgestrichen, „Conegliano“. Rechts ein Schild; drauf steht „Susegana“. Davor und dahinter dasselbe Bild. Häuser, Anwesen, Betriebe in denen Menschen leben und werktags ihrer Arbeit nachgehen. Bohrend langweilig. Ich nähere mich der Halbmarathonmarke. Mein Lauftempo orientiert sich seit langem an 5:30 min/km. In den Beinen fühle ich merkliche Spannung; sogar Verhärtung. Die fehlende Laufpraxis macht sich bemerkbar, beunruhigt mich aber nicht. Nach den ersten Anzeichen müder Laufwerkzeuge vermag ich erfahrungsgemäß noch stundenlang zu laufen. Die Ferse bleibt friedlich, die Pobacke erhebt ganz schwach den mahnenden Finger: „Lass dir bloß nicht einfallen schneller zu laufen!“ Nach 1:54h passiere ich die Halbmarathon-Zeitmessung.

Mein Pfützen-Radar schweift ein wenig ab, erfasst die eigenen Füße, zuletzt die Schnürung des linken Schuhs. Der Sicherungsknoten fehlt! Nach dem Umziehen ließ ich die Schnürung locker, um die Ferse zu schonen. Im Startblock wollte ich den Sitz noch einmal überprüfen und dann den Doppelknoten schlingen. Vergessen. Aus nasskalter Gleichgültigkeit nicht dran gedacht. Stehenbleiben? Korrigieren? Anscheinend halten die klatschnassen Schnürbänder den Knoten auch so zusammen. Wozu sich voreilig bücken? Sch…drauf. Wenn sich die Verschnürung löst, kann ich das immer noch nachholen. Und weiter: Tapp, tapp, tapp … oder besser: platsch, platsch, platsch … Jetzt könnte es echt bald aufhören zu regnen!

Ich fürchte um das Leben meiner Kamera. Wie stets im Wettkampf trage ich sie in der Hand, fotografiere dann und wann. Heute selten, weil es keine Attraktionen gibt und weil ich das Objektiv nicht unnötig der Nässe aussetzen will. Wird das kleine, technische Wunderwerk den Unterwassertest bestehen? Noch immer, mehr als zwei Stunden nach dem Start, knistert und raschelt es hie und da. Da wollen einige ihr Regenkondom anscheinend erst im Ziel entsorgen. Die Saunaatmosphäre zwischen Haut und Hülle, ihr schmoren im eigenen Saft, mag ich mir nicht vorstellen. Dann soll lieber Regenwasser rinnen.

Auf die Brücke über den Piave habe ich schon eine Weile gewartet, sah sie aus dem Zugfenster und versprach mir eine kleine Attraktion davon. Unmittelbar hinter dem Ortsausgang des Weilers Ponte Della Priula betrete ich das mehrere hundert Meter lange Bauwerk. Die Brüstungen beidseits hat man in Zwanzig-Meter-Abständen beflaggt. Bunte Flecken vor tristem Himmel. Der Fluss führt viel Wasser, strömt flach, aber breit dahin. Seitenarme zweigen ab, verästeln sich, fließen durch eine scheinbar intakte, unverständlich breite Auenlandschaft, vereinigen sich letztlich zum vollen Strom. Mit Befriedigung registriere ich, dass der Mensch seine Gier nach Land hier zügelte. Doch warum? Wären massive Deiche zu aufwändig und teuer gewesen? Konnte man sich entlang der vielleicht 70 Flusskilometer zwischen Bergen und Mündung in die Adria auf kein gemeinsames Bollwerk einigen?

Wie sehr muss man den Laufsport lieben, um sich 42 Kilometer in strömendem Regen anzutun? Diese Frage schießt mir mehrmals durch den Kopf; meist, wenn ich durchnässte Gestalten um mich her betrachte. Aber sicher sind die meisten in einer Kausalität ähnlich der meinen gefangen: Man hat den Lauf geplant, sich angemeldet, monatelang für dieses Ziel trainiert, sich darauf gefreut. Wer würde sich dann am Tag X das finale Erlebnis versagen? Und nur, weil es ein bisschen regnet? Die Wahrheit ist: Seit etwa Halbmarathonzeit ging moderater Dauer- in strömenden Landregen über. An solche Fluten erinnere ich mich höchstens als sommerliche Gewitterschauer. Lokale Kapriolen der Natur, launenhaft, unberechenbar, denen man als Oft-und-lang-Trainierer nicht entrinnt. Von Zeit zu Zeit wische ich mir das Wasser aus dem Gesicht, meist lasse ich laufen, was läuft. Und doch schicke ich auch kleine Botschaften der Dankbarkeit gen Himmel. Ja, auch weil ich noch immer laufe. Mit einiger Mühe inzwischen, aber unter weniger Schmerz als befürchtet. Vor allem jedoch, weil die Windrichtung stimmt: Aus Ost-Nordost und damit über lange Distanz schräg von hinten weht der Wasservorhang. Zwei-, dreimal, wie eben nach der Piave-Brücke für ein paar Minuten, bringt uns der Kurs in 90°-Winkel zum Wind. Schon dieses seitliche Anstürmen der Elemente lässt mich ekelhaft frösteln. Trotz steter Wärme von innen, langer Ärmel und erträglicher Temperatur. Was, wenn der Wind von vorne … ? Schauderhafter Gedanke.

Die mental härtesten Kilometer dehnen sich endlos: 23, 24, 25, 26, 27, 28. Noch so weit und schon so müde. Dazu diese eintönige, einfallslose, fade, heute komplett verwässerte Strecke. Vorbereitendes Kartenstudium vermittelte den Eindruck, als reihten sich wie mit dem Lineal gezogene, manchmal vier, fünf Kilometer lange Abschnitte aneinander. Heute wird der Eindruck unschöne Realität: Du schaust voraus und keine Kurve, kein Haus, kein Hindernis begrenzt deinen Blick … Gibt’s denn gar keine Höhepunkte? Seit mehreren Minuten flankiert links ein hoher Bahndamm die Straße. Rechts schiebt sich der Schrottplatz ins Blickfeld, den ich vor vier Stunden vom Zugfenster aus sah. Vielfach übereinander gestapelte Autowracks begleiten meinen Weg und ich beginne zu suchen. Dann finden meine Augen den gelben Fleck. Ganz oben, in erster Reihe hinter dem Zaun, erkenne ich das kleine Kabrio wieder. Ein trauriges Kabrio: Verschrottet, seines Verdecks beraubt, ohne Sonne, stattdessen nass geregnet. Mehr habe ich nicht zu bieten. Damit ist der Höhepunkt dieser Phase des Laufes auch schon erwähnt.

Noch zehn Kilometer. Natürlich macht sich meine Verletzung jetzt deutlicher bemerkbar. Undramatisch, es läuft besser als befürchtet. Auch die Kraft wird reichen, wenngleich ich zu kämpfen habe. Noch immer halte ich die Pace bei 5:30 min/km. Ich spüre das fehlende Training in den Beinen. Eine neue Empfindung im 61. Marathon: Schlecht vorbereitet auf die Strecke gehen und von der in besseren Tagen erarbeiteten Substanz zehren. Auf diesen Kilometern präzisiere ich meinen Entschluss: Nach diesem Lauf ist Feierabend! Der Spreewald Marathon in drei Wochen wird mich nur als Zuschauer erleben. Hin „muss“ ich, da auch dort ein Kurzurlaub ansteht. Weitere drei Wochen will ich mit diesen körperlichen Einschränkungen nicht laufen. Ich scheue auch den deprimierenden Moment, da die Substanz nicht mehr ausreicht, um wenigstens ein zurückhaltendes Tempo bis zum Finish zu halten. Und vor allem will ich nichts mehr riskieren.

Die Ortstafel von Treviso bleibt zurück. Davor reihten sich Wohnhäuser und Zweckbauten beidseits der Straße aneinander, dahinter ebenso. Nichts ändert sich, nichts springt ins Auge. Teilweise liegt das an der Schlussphase, an der von Anstrengung begünstigten Selbstzentrierung. Auch der wetterbedingte Scheuklappenblick schränkt die Wahrnehmung ein. Deshalb entgeht mir die bauliche Attraktion, eine der typischen Kirchen dieser Gegend: Oft steht der Turm getrennt vom Kirchenschiff, dessen Eingangsbereich einem heidnischen Tempel aus römischer Zeit nachempfunden scheint. Monumentale, weiße Säulen tragen einen aus gleichem Material gefertigten Vorbau. Man muss schon die Ornamentik ins Auge fassen, um den Sakralbau seiner christlich-katholischen Bestimmung zu überführen. Ich registriere die Kirche nicht, schaue nur voraus. Kilometer 40 gilt mir seit geraumer Zeit als Zwischenziel, denn die Schlusspassage zieht sich durch die schöne Altstadt von Treviso. Jubelnde Zuschauer erwarte ich dort – wie in Italien üblich – schöne Ansichten und endlich wieder Ines.

Mein Laufgefühl täuscht: Objektiv bin ich nicht langsamer geworden, obschon die müden, schweren Beine ihren Auftrag jetzt nur noch unter merklichem Willenseinsatz verrichten. Kein Problem, nichts Ungewöhnliches, eine in zahllosen Läufen geschulte Selbstverständlichkeit. Die Kilometer 37, 38 tun nur körperlich weh. Die muss ich irgendwie überstehen. So ist eben der Marathon. Die mentale Last, das bange „Werde-ich-es-schaffen?“, ist längst der Vorfreude auf das Finish gewichen. Oder salopp: Hab’ das Ding längst im Kasten, nichts kann mich mehr stoppen. Doch, doch! Auch heute, unbeschadet des Mistwetters, einer öden Strecke und meines angeschlagenen Zustands, freue ich mich auf das Finale. Ein besonderes Finale: Für längere Zeit mein letzter Marathon.

39 Kilometer vorbei: Dort vorne mündet die Straße in den Straßenring um die Altstadt. Ich vermute Ines in jenem Bereich und halte aufmerksam Ausschau. Sie wird ihre schwarze Jacke tragen, Jeans, den blauen Rucksack auf dem Rücken und sich unter einen Schirm ducken. So stelle ich sie mir vor, weil es leichter ist ein Motiv unter ähnlichen auszumachen, wenn man es gedanklich vor sich her trägt. Obwohl ich relativ allein auf weiter, nasser Flur daher trabe, entdecke ich sie eher als sie mich. Per Linksschlenker verlasse ich die Laufstrecke und steuere auf sie zu. Mit freudestrahlendem Gesicht begrüßt sie mich. Endlich Sonne in Bella Italia! Ein Kuss, zwei, drei gewechselte Sätze (von mir vor allem: „Bin ich froh, dass das gleich vorbei ist!“), dann mache ich mich wieder auf den Weg. Sofort spüre ich eine Veränderung. Ich bin verändert. Schon erstaunlich, wie die Anwesenheit, die intensive Anteilnahme eines geliebten Menschen eine missliche Situation erhellen kann … Ein letztes Mal schaue ich auf die Uhr: Selbst auf allen vieren krabbelnd würde ich das Ziel jetzt unter vier Stunden erreichen. Ich nehme alles Tempo raus, jogge gemütlich vor mich hin. Will nur noch schauen, fotografieren, die für lange Zeit letzten Marathonkilometer genießen. Meine Hochstimmung verhindert den Weg durch Treviso als herbe Enttäuschung zu verbuchen: Die schönsten Gassen und Ansichten werden ausgespart. Erhofftes, frenetisch applaudierendes Publikum sitzt vermutlich zu Hause im Trockenen. So leer müssen die Gassen im Mittelalter gewesen sein, wenn die Pest einen Großteil der Bevölkerung dahinraffte und Überlebende sich bloß noch gezwungenermaßen nach draußen wagten. Überall „tote Hose“! Ich lasse mich überholen, trabe verhalten, spüre den Regen nicht mehr, habe alle Zeit der Welt, Kilometer 41 längst passiert. Vor mir öffnet sich der Bogen eines der Stadttore. Dahinter schwenke ich auf die Ringstraße und sehe das Ziel. Wo sonst letzte Reserven einen Schlussspurt inszenieren, werden meine Schritte heute eher langsamer. Ich will das Finish um Sekunden verlängern, denn hinter dem Ziel warten diesmal nicht nur Sieg und Freude. Durch dieses Tor in Treviso betrete ich ein langes, tiefes Tal ohne die Faszination Marathon …

Fazit

Organisation, Gegenwert für die Startgebühr und tolle Italiener sind es allemal wert in Treviso zu laufen. Allerdings – und ich meine das wirklich ernst – sollte sich das nur zumuten, wer eine zu 95% unattraktive, sogar öde Strecke mental verkraftet.

4.000 Läufer waren gemeldet. Wegen des miserablen Wetters traten dann leider nur 3.000 an, von denen 2.858 das Ziel erreichten.

Was nun?

Sechs Wochen völlige Laufpause, danach Laufen auf Therapieniveau, das Ganze begleitet von alternativem Ausdauersport. Laufen wollen und nicht laufen dürfen, später nur eingeschränkt – das wird hart werden. Wenn alles klappt, werde ich im Sommer die Umfänge vorsichtig steigern, danach die Intensitäten – noch vorsichtiger. Langfristigere Prognosen sind sinnlos. Was ich will ist allerdings klar: Gesund werden und wieder laufen wonach meinen Beinen der Sinn steht. Oft, viel, weit, lange laufen und mit derselben Freude wie all die Jahre zuvor.

Hinweis: Die Strecke wurde radikal geändert, verläuft jetzt (Stand 2016)
weit außerhalb von Treviso als Rundkurs!

     Zur Kurzkritik


 

 

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