Geschichte wiederholt sich nicht - Windhagen Marathon 2008

Wieso stehe ich wieder hier auf der Laufbahn im Westerwälder Dörfchen Windhagen und erwarte den Startschuss zur Neuauflage des Marathons? Warum ziehe ich eine bekannte Veranstaltung vor, wo doch zur selben Zeit in Mainz, Salzburg, Triest oder Hannover ein weißer Fleck von meiner Marathon Landkarte hätte getilgt werden können? - Die Landschaft rund um Windhagen ist reizvoll, die Strecke somit auch. Organisation und Bedingungen waren beim Debüt ausgezeichnet. Das alleine wäre mir sicher nicht Grund genug so weit zu fahren. Also was noch? Überraschend lief ich 2007 auf den zweiten Platz und lieferte mit 3:21:01 drei Tage nach einem 50 km Ultra mit 1700 Höhenmetern eine zu jenem Zeitpunkt unbegreifliche Leistung ab. Also diesen zweiten Rang verteidigen? Nein. Geschichte - auch persönliche - wiederholt sich nicht. Außerdem haben wesentlich mehr Kilometer und geringeres Tempo meinen Stoffwechsel dieses Jahr in einem anderen Ausdauersegment positioniert. Auch fehlen Trainingsläufe mit harschen Anstiegen (Windhagen fordert in dieser Hinsicht einiges) und gesundheitliche Einschnitte warfen mich mehrfach zurück. Und das Entscheidende: Wenn da auch nur zwei, drei wirklich gute Läufer antreten, dann hätte ich selbst mit meiner Vorjahreszeit keine Chance auf einen der vorderen Plätze. Warum schickt mich dann der Startschuss auf die Stadionrunde und anschließend auf 42 vertraute Kilometer? Ganz einfach: „Windhagen Eins“ bescherte mir höchst überraschend eines meiner schönsten Lauferlebnisse überhaupt. Dieses Geschenk will noch einmal aufleben, es quasi laufend Revue passieren lassen. Und ganz tief drin, im hintersten Eck, glimmt doch immer dieser gewisse Funke, das „man-weiß-ja-nie“ …

Gleich auf dem ersten Kilometer wurde die Strecke geändert. Wir sehen dieses Jahr mehr von den Dorfstraßen. Vermutlich will man dadurch die verwirrende Schlussrunde vermeiden. Nach dem Zieleinlauf wollte ich stehen bleiben, bis man mich energisch zu einer weiteren Stadionrunde aufforderte. Mal sehen, ob uns die Ehrenrunde dieses Jahr erspart bleibt. Geschätzte zwanzig Läufer weiß ich vor mir, als nach flacher Auftaktpassage über Autobahnbrücke, Kreisverkehr und Hauptstraße der „Sturzflug“ beginnt. Zunächst starkes Gefälle auf Asphalt, danach kurz ebenerdig auf gepflastertem Geläuf, vorbei an der Dorfkirche, die das schlanke Spitzdach ihres Turms ins fast ungetrübte Himmelblau reckt. Abermals abwärts auf Straßen, vorbei an akkurat gepflegten Vorgärten und endlich auf einen schmalen Spazierweg, wo dann erstmals feiner Schotter unter den Sohlen knirscht. Runter! Und runter! Sehr lange runter! Anders als im Vorjahr lassen sich die ersten zwei Kilometer ganz passabel an. Zu passabel, geradezu verlockend locker. Mir ist in diesem Jahr noch nicht genug „schief gelaufen“, um dieser Verführung zu widerstehen. Vor einem Jahr hätte mir eingedenk aller gültigen Gesetze des Laufsports hier keine 3:21h gelingen dürfen. Das war im Grunde unmöglich, eigentlich überirdisch, beschäftigte mich in wochenlangen, ergebnislosen Analysen. Vielleicht eine besondere Mondphase in Tateinheit mit einer leichten Verbiegung des Erdmagnetfeldes infolge unterirdischer Fließgewässer, verstärkt durch Hyperaktivität der Sonnenflecken? Eine solche Konjunktion könnte doch auch heute eintreten!? Jedenfalls rase ich erstmal in dieses tief eingeschnittene Tal hinab, als gälte es den Leibhaftigen abzuschütteln, der sich in meine rechte Pobacke verbissen hat. Aber für das schon jetzt gaaanz leicht einsetzende, unangenehme Ziehen in jener Körpergegend bin ich schon selbst verantwortlich. Erst die Verlockung, nun die Warnung, und die zu ignorieren gelingt mir leicht …

Herrlich, wie die Strahlen der noch tief stehenden Sonne das frische Grün von Bäumen und Büschen leuchten lassen. Durch den Blättervorhang fällt mein Blick auf saftig grüne Wiesen und dort hinten bahnt sich wohl ein schmales Bächlein seinen Weg zum Talgrund. Da ist sie wieder, die schon letztes Jahr empfundene Begeisterung für diese Ecke des Westerwaldes. Erneut gönnt mir Petrus die Route bei strahlend schönem Wetter, wenngleich die Temperatur deutlich unter dem Wert des Vorjahres liegt. Ich brauche also nicht „eimerweise“ Wasser in mich hinein zu schütten.

Eine recht muskulös und stämmig wirkende Amazone, einige Meter voraus, hält gleichfalls dieses flotte Tempo. ‚So schnell sieht die gar nicht aus!’ taxiere ich, missachtend, dass Ausdauer viele körperliche Ausprägungen haben kann. Eine Weile scheinen wir wie mit einer Schnur verbunden, streben als Tandem dem Talgrund zu. Ich laufe nicht zu dicht auf, will sie nicht nerven. Möglicherweise geschieht eben dies aber doch. Aus unerfindlichen Gründen wird sie langsamer und deshalb ziehe ich stumm vorbei. Über mehrere Minuten - die tiefste Stelle durchschritten, einen Becher Wasser am ersten Verpflegungstand getrunken, schon wieder aufwärts trabend - werden ihre im Schotter knirschenden Schritte leiser. Dann bin ich fast allein: Vor mir nur dann und wann ein blauer Farbreflex vom Trikot eines Konkurrenten, so weit hat sich die Spitzengruppe bereits nach fünf Kilometern auseinander gezogen.

Schweiß läuft an Stirn und Schläfen zusammen, die erste Steigung fordert „ganz nett“. Ich halte dagegen und bringe das scheinbar gut zu Wege. Na bitte, geht doch. Ein Stück voraus wird der Waldrand sichtbar, gezeichnet von hohen, beinahe noch blattlosen Bäumen. Über grüne Wiesen wölbt sich ein wunderbar blauer, von hauchdünnen Wolkenschlieren kaum getrübter Himmel. Landschaftsmaler blieben hier sofort stehen, packten hastig ihre Utensilien aus, um diese Ansicht auf Leinwand zu verewigen. Etwas trübt meinen Spaß am Geschehen. Doch doch, die Pobacke auch, ein winziges bisschen. Eigentlich meine ich den grobkörnigen Schotter (Schiefer?), mit dem seit Minuten der Weg befestigt ist. Na ja, nicht wirklich be- „fest“ -igt, eigentlich nur bestreut. Mit jedem Schritt bohren sich scharfkantige Steine in die Sohlen und foltern den Fuß. Sehr unangenehm. ‚Das war auch letztes Jahr auf den ersten Kilometern so und später nicht mehr. Also jammer’ nicht ’rum und lauf!’

Zum ersten Mal freie Sicht und ebenerdig trabend: Hundert Meter voraus eine kleine, locker gestaffelte Gruppe, etwa zehn Köpfe stark. Wenige Laufsekunden vor ihnen, von einer Baumformation verdeckt, knickt der Kurs nach rechts und steigt weiter an. Und an dieser Steigung querab, erkenne ich den kleinen, drahtigen Vorjahressieger, der vom Start weg ein Höllentempo vorlegte und sich augenscheinlich an die Spitze setzte. Für mich sieht es aus, als hielte er die noch immer. Andererseits raunte er mir vor dem Start zu, dass es dieses Jahr schwer werden würde, weil ein paar sehr gute Läufer im Feld sein sollen. Zwei Minuten später saugt ebendiese Steigung mir Energie aus den Beinen. ‚Das wird ein netter Tanz werden heute! Du hast dieses Jahr kaum Höhenmeter trainiert!’ Gedacht und abgehakt, weil nicht zu ändern. Mein Programm folgt in diesem Jahr einer anderen „Dramaturgie“ und vor dem „Gipfel“ in Berlin gilt es noch etliche „hohe Pässe“ zu überwinden …

Von hier oben lassen sich einige Quadratkilometer Westerwald überblicken: Senken und Einschnitte modellieren eine hügelige Landschaft, dekoriert mit Wäldern, darin ein Dorf, seinerseits eingerahmt von Wiesen und Obstbäumen. Es strengt mich erheblich an hier zu laufen. Die Freude ob dieser Bilder leidet darunter wenig. Zuschauer gibt es nicht. Ok, an dieser Einmündung stehen zwei, leisten dem Absperrposten Gesellschaft. Ich nehm’ das mal vorweg: Das Publikums„interesse“ liegt bis zum Schluss konstant bei Null. Mir ist das „wurscht“, ich sende es an die Adresse jener, die beim Laufen Unterstützung von außen brauchen: Bitte einen anderen Lauf aussuchen. Jammerschade, denn euch entgeht ein tolles Naturerlebnis.

Wie ein D-Zug donnere ich dieses stark abschüssige Straßenstück hinunter. Schnell kommt der tiefste Punkt der Senke näher und ich mache einen Läufer aus, der von rechts zur Straße zurückkehrt. Mit ‚Der war mal austreten’ habe ich eine wohlfeile Erklärung parat. Dann passiere ich selbst die Stelle, an der ein Weg nach rechts abzweigt. Die Straße wird ab hier von einer Leitplanke flankiert, vor der ein Schild die Marathonweiche ankündigt. Ich kenne die Strecke, weiß, dass fünfzig Meter weiter und aufwärts die Halbmarathonis nach rechts in den Wald geleitet werden. Ein Ordner begegnet mir, ist auf dem Weg nach unten. Dann höre ich ihn schreien und verstehe: „Hierher! Hier ist die Abzweigung für den Halbmarathon!“ - Mein Hintermann hat offensichtlich das Schild gleichermaßen falsch interpretiert, wie jener, dem ich die Notdurft unterstellte. Der Streckenposten wird die Tafel jetzt wohl weiter oben aufstellen …

Ich kämpfe mich noch 200 Meter weiter aufwärts, vorwärts und tauche dann wieder im Wald unter, zugleich abwärts mit verlängertem, schnellem Schritt. Diesen Teil der Strecke darf ich nach der Marathon-Extratour im Gegenkurs noch einmal abmessen, um dann den Spuren der Halbmarathonis zu folgen. Schattiger Laubwald umgibt mich, wirklich angenehme Bedingungen zum Laufen. Links unter hohen Bäumen ein altes Fachwerkhäuschen, erstklassig restauriert, mit hübschem Garten. Ein inneres Seufzen meint: ‚Wie fantastisch doch manche Menschen wohnen!’ - Sanft steigt der Weg an, gewährt Unmengen an reizvoll grünen An- und Einsichten. Auf der Kuppe die nächste Verpflegungsstation und ich entschließe mich heute ausnahmsweise zu Kalorien. Dass es knochenhart werden wird, ist mittlerweile sicher. Was mir der Helfer da anbietet, verstehe ich nicht, greife einfach danach, schütte es in mich rein: ‚Mist Apfelschorle!’ Das taugt nicht als Sportgetränk während der Leistung. Hinterher toll, währenddessen vergessen. Mein Magen wird’s verkraften - hoffe ich.

Ein Fischteich versteckt sich hinter hohem Zaun. Da hat wohl jemand Angst um seine Bestände. Vollkommen unbeweglich, einer steinernen Skulptur gleich, schwimmt ein Schwan auf dem im Gegenlicht spiegelnden Gewässer. Zunächst glaube ich an eine optische Täuschung, doch die seitliche Ansicht bestätigt sein schwarzes Gefieder. ‚Leider vorbei, zu spät für ein Foto. Zurück? Nö, so sensationell selten scheint mir der Trauerschwan (Hab ich bei Wikipedia recherchiert) auch wieder nicht.

10 Km in den Beinen und das in 45 Minuten. Ein Schnitt von 4:30 min/km, das ist heftig und exakt so fühlt es sich inzwischen auch an. Aber die Landschaft macht es mir leicht das zu ignorieren: Jetzt kommt die Stelle mit dem hübschen Bach und der kleinen Brücke, wo ich letztes Jahr fast in den Kuhfladen gelatscht wäre. Keine Gefahr, der Pfad ist inzwischen ausgetreten, kein Gras wächst mehr in dem sich Heimtücke verstecken könnte. Drüber, jenseits ein paar Meter schuften, dann auf breitem Feldweg wieder in ein Waldstück. Schon eine Weile höre ich Schritte hinter mir, Abstand scheinbar gleich bleibend. Normalerweise berührt mich dergleichen nicht. Heute beginnen mich die Verfolgersignale recht schnell zu nerven. Kämpfe ich etwa um Ränge? Irgendwie bestimmt, denn vermutlich sind nicht viele Konkurrenten vor mir. Ist das der einzige Grund? Anfangs ja, im Verlauf der nächsten Minuten kommt noch einer hinzu: Er nähert sich, weil ich langsamer werde. Und ich werde langsamer, weil ich keine andere Wahl habe. Und ich habe keine Wahl, weil ich inzwischen sicher spüre, dieses Tempo nie und nimmer ins Ziel retten zu können. ‚Mensch überhol doch endlich!’

Eine mehr oder weniger flache Passage, zuletzt durch ein Dorf, liegt hinter uns. „Uns“, das meint meinen Verfolger, mich und „entsetzlicherweise“ einen weiteren Jäger, dessen muntere Schritte ich zuletzt auch noch vernehmen musste. Ein, zwei Minuten durch Wald und Feld isser knapp hinter mir, dann gleichauf und endlich vorbei. Seine rabenschwarze Bekleidung werte ich als Fanal wie diese „Sache“ heute für mich ausgehen wird. Rasch vergrößert sich der Abstand, nach zwei Minuten hat er schon zwanzig, dreißig Schritte Vorsprung. Der zweite Jäger hält sich einstweilen hinter mir. Dann geht’s einmal mehr aufwärts und ich werde langsamer. ‚Na los, du auch noch!’ schicke ich dem Zweiten auf der Überholspur hinterher (Zum Glück eine halbe „Lichtgestalt“ in seinem weißen Laufshirt. Vielleicht kommt’s ja nicht ganz so schlimm für mich!?). Er sucht und findet Tuchfühlung zu „Mr. Black“. Mich lenken derweil zwei Reiter ab, die ihre Pferde in gemütlichem Schritt durch die Wiesen bewegen. Das würde Ines gefallen und deshalb müssen die beiden in meine Kamera …

„Mr. Black und Co.“ entfernen sich langsam und das ist gut so. Dann kann ich mich wenigstens wieder der Umgebung zuwenden. Auf einen Weiler zu, davor rechts weg, durch sattgrünes Weideland. Zwei Frauen mit drei Hunden begegnen mir. Die ohnehin angeleinten Vierbeiner werden zum „Sitz“ befohlen, damit der Läufer sich nicht ängstigt (Können ja nicht wissen, dass wir selbst einen Hund hatten und ich mich nicht zuletzt deshalb vor keinem Vierbeiner fürchte). Drei Hunde, einer links des Weges, zwei rechts, zu Frauchen aufblickend (kriegen sicher gleich ihr „Leckerle“). Auch das würde Ines gefallen und darum müssen diese fünf auch in meine Kamera …

Der Abschnitt weist ausnahmsweise weder Steigung noch Gefälle auf und doch bewege ich mich deutlich langsamer, weil ich muss. Erst etwa 16 Kilometer gelaufen und es scheint, als hätte ich einen Großteil meines Pulvers schon verschossen. Egal. Weiter. Eine Wiese, übersät mit leuchtend gelbem Löwenzahn, facht meine Begeisterung neu an. Aber es fällt ihr jetzt schon schwerer, sich gegen die negativen Wahrnehmungen von innen durchzusetzen. Weiter am Waldrand und kurz hinein. Dame hoch zu Ross im Gegenverkehr. Mit scheuenden Gäulen und unsicheren Reitern hab ich so meine Erfahrungen. Doch die Begegnung verläuft konfliktfrei, großräumiges Ausweichen war überflüssig.

Ich versuche noch einmal Tempo zu machen, der abschüssige Feldweg scheint geeignet. Links Wiesen so weit das Auge reicht, dann und wann von einem Wäldchen begrenzt. Rechts Wald, in einem Einschnitt weidende Kühe. Die schnelleren Schritte schmerzen! Steine unter den Füßen und überhaupt die komplette Bewegung. ‚Wie töricht von mir, dieses „Ding“ so wahnwitzig schnell anzugehen!’ Der Feldweg endet im nächsten Dorf, dessen Wohnstraßen wenigstens den Fußsohlen ein wenig Erholung gönnen. Und weiter runter. Abwärts spüre ich die harten Erschütterungen „bis unter die Schädeldecke“, suche nach Entschuldigungen für meine Dummheit: ‚Wenigstens brauche ich mir hinterher nicht vorwerfen, es nicht versucht zu haben (Was für ein Unsinn!).’ Am jenseitigen Dorfrand ist die Talsohle erreicht und über einen Kreisverkehr gelangen wir zu einem fein geschotterten, festen Fahrradweg. Schon wieder „Wir“! Diesmal nehme ich’s gelassen, neuerlich zwei Häscher im Windschatten zu wissen. Einer zieht just in jenem Moment vorbei, als ein unbeteiligter Jogger auf Gegenkurs zum Ausweichen zwingt. „Hat der was mit uns zu tun?“ Die Frage bezieht sich auf den Jogger, wirklich unsicher klingt sie jedoch nicht. Eher wie eine Entschuldigung, dass er mich überholen musste. „Ich glaub nicht!“ entgegne ich dennoch pflichtschuldigst. Exakt hier steht das kleine gelbe Schild mit der „20“. Ein Stück weit studiere ich die weichen, fließenden Bewegungen des davon eilenden Mannes. Er besitzt einen sehr eigentümlichen Laufstil, auf seine Weise unverwechselbar, ohne dass ich ihn detaillierter beschreiben könnte.

Noch eine Weile hält sich der andere Verfolger in meinem Windschatten, dann gibt auch er Fersengeld. Und tschüs. Seit zwei Kilometern fast eben dahin, am Rand eines sanft auslaufenden Hanges. Oh, ich kenne die Stelle gut, weiß, was mich gleich Übles erwartet. Den Blicken lange durch ein Wäldchen entzogen, wendet sich die Strecke plötzlich und brutal steil bergwärts. Schrittchen auf den Fußballen bringen mich voran, machen zugleich bewusst wie müde ich schon bin. Auf dem Scheitelpunkt erholen sich meine Beine nur nach merklicher Verzögerung vom harten Anstieg. - Halbmarathon ungefähr hier geschafft: Natürlich beobachte ich dann und wann, wie sich meine Laufzeit entwickelt. Nur seltener, denn von dieser Statistik geht kein Ansporn mehr aus. Derzeit deutet alles auf eine Zeit um 3:30h. Eine Milchmädchenrechnung, weil es nach Kilometer 28 fast nur noch aufwärts geht! Im Moment fährt mir allerdings ein stark abschüssiges Stück Feldweg ins Gebein. Ich beiße die Zähne zusammen und rücke den beiden Vorderleuten noch einmal auf die Pelle. In Höhe einer Verpflegungsstelle, auf bereits gegensinnig absolviertem Teilstück, reiße ich sogar die Führung wieder an mich. Mein Kunststückchen haben die nämlich nicht drauf: „Saufen“ - pardon - mit kuhmaulgroßen Schlucken und das auch noch in der Bewegung. Aber meine Frechheit entfacht wilde Kampfeslust bei „Schmidtchen Schleicher“ (wegen seiner fließenden Bewegungen) und Begleiter. Sie beschleunigen vehement und stellen die alte Reihenfolge wieder her. Ein unterhaltsames Spiel, leider fehlt mir die Frische, um weiter mitzuspielen.

Das Fachwerkhäuschen kommt abermals in Sicht. Will noch ein Foto und fange ungewollt nicht nur die Kate (früher anscheinend eine Mühle), sondern auch die beiden älteren Bewohner samt Hund in ihrem Garten ein. - Hundert Meter steile Rampe fordern kurzzeitig hohe Leistung. Mir ist, als tauchte man einen Messstab in schmale Öffnung, um den Flüssigkeitsstand eines Tanks zu prüfen. Ergebnis: Wahrscheinlich wird der Treibstoff bis zum Stadion reichen, aber den Verbrauch werd’ ich drosseln müssen. Auf die Straße, vorbei am Streckenposten. Letztes Jahr stand hier einer, der sich die Seele aus dem Leib schrie und jeden Läufer im Anstieg motivierte. Dieser schweigt, wie (fast) alle, denen ich begegnete und noch begegnen werde. Unbeteiligtes Verharren, maximal ein stummer Wink, was für ein Kontrast zum lärmenden Madrid … Ist mir aber „Banane“, für mich zählen idyllische Bilder entlang der Strecke und davon stürmt reichlich auf mich ein. Ein Bach gluckst über dicke Steine, mäandert zunächst zwischen hohen Bäumen, fließt später im Wiesengrund. Hier irgendwo rief mir vor einem Jahr jemand zu, dass ich auf Platz sieben laufe. Jener Satz, der in meinem Kopf wie eine Bombe explodierte und einen richtigen Wettkämpfer aus mir machte. Heute haben sich die Vorzeichen umgekehrt, auch wenn mich derzeit niemand verfolgt.

Kein Zweifel, meine Geschwindigkeit hat sich weiter reduziert. Seit die Angaben der Kilometertäfelchen mit einer „2“ beginnen, hänge ich ziemlich durch. Das liegt definitiv nicht an fehlender Energie, an zu wenig Ausdauer. Die Nervenbahnen von der Hüfte abwärts leiten beständig Schmerzsignale. Es kommt mir vor, als könnten sie deshalb die schnellen Bewegungen der ersten Stunde nicht mehr steuern. Gebt mir ein besseres Vokabular, um es plastischer zu beschreiben! Diese Form von „Ermüdung“ nehme ich anders wahr, als den Zustand „leerer Batterien“. Zwei Radfahrer nähern sich von hinten, plaudern miteinander. ‚Verdammt warum überholen die nicht?’ Nervig, nervig! Einerseits nötigt mich beständig das Gefühl aufpassen zu müssen, weil sie sicher gleich vorbei wollen. Übler noch ihr schauderhaft ausgeruhtes Gequatsche, während ich hier auf’m Zahnfleisch durch die Botanik eiere. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie tot ich nach 160 km auf dem Rad in der Wanne lag! Fünfmal hab ich versucht raus zu kommen und hab’s doch nicht geschafft, so fertig war ich!“ „Ja, ja, das kann ich nachvollziehen, denn …“ und so plappern sie in einem fort.

Meist umfängt mich kühlender Schatten. Die eine oder andere feucht glitschige Stelle gilt es ohne Ausrutscher zu überstehen. ‚Vielleicht sollte ich einfach langsamer laufen und sie so zum Überholen zwingen?’ Irgendwann tun sie’s dann endlich und Sekunden später ist klar wieso. Ich bekomme eine schallende Ohrfeige für meine anfängliche Überheblichkeit und Dummheit. Demonstrativ leichtfüßig, ohne die mindeste Spur von Erschöpfung tänzelt die führende Frau im Feld vorbei und hält Anschluss zu ihrem Radler. Noch eine Weile setzt sie die Demütigung fort, weil sich der Abstand rapide vergrößert. ‚So langsam bist du schon geworden!’ Irgendwann rennt sie außer Sichtweite. Grün mit gelben Sprenkeln, darüber Himmelblau beherrscht wieder die Wahrnehmung und heilt die geknickte Läuferseele …

Jenseits des Baches steht ein riesiges Veranstaltungszelt mitten in schönster Au. Einige Leute vertreiben sich die Zeit. Muss zu sehr auf den Weg achten, um Genaueres zu erspähen. Muss mich auch um mein „leibliches Wohl kümmern“, denn der nächste Verpflegungspunkt naht. Dahinter bringen mich wackelige Planken über den an dieser Stelle recht breiten, dafür flachen Bach. 27 Kilometer gelaufen. Hinauf zur Straße und kurze Zeit später neuerlich auf einen Feldweg. Von weit vorne rauscht bereits die Autobahn und gelegentlich lugt ein Stück Brücke der parallelen ICE-Strecke durch die Bäume. Dahinter beginnt der härteste Streckenteil und meine Beine sind schon jetzt „butterweich“. Der Lärm schwillt an. Ein letzter Schlenker des Waldweges, dann nutze ich eine Unterführung, um die andere Seite von Autobahn und ICE-Trasse zu erreichen. „Höhe gewinnen!“ lautet ab sofort die Devise. Gute zwei Kilometer hält dichter Wald die Sonne fern, so rinnt der Schweiß auch aufwärts nur mäßig. Kurz vor dem Waldrand orte ich zwei Läufer, einen „angenehmen“ und einen „unangenehmen“. Der „Willkommene“ kämpft mit trägen Bewegungen gegen seine Müdigkeit, fünfzig Meter vor mir, Distanz abnehmend. Der „Unwillkommene“ nähert sich von hinten. Ergo blüht mir gleich wieder eine innere Selbstanklage. Aber dazu kommt es nicht. Zwar schwebt auch dieser „niederträchtige“ Mensch mit schier unerträglicher Leichtigkeit vorbei. Doch mein gebeuteltes Ego hält still, rechnet zugleich mit baldigem Überholen des müden Mannes. Außerdem wurde der Lahme als einer der ersten beiden Täter identifiziert, die mich stehen ließen. Demnach verfügen auch andere über genügend Leichtfertigkeit ihr Leistungsvermögen zu überschätzen.

Unter jetzt heißer Sonne arbeite ich mich an ihn heran, bin eingangs eines Dörfchens dicht hinter ihm. Wie schon im letzten Jahr, halten sich hier zwei an einem Stehtisch fest und schütten köstliches Nass aus kleinen, schlanken Flaschen in sich hinein. Unwillkürlich muss ich schlucken und empfinde schlagartig heftigen Durst. 30 Kilometer gelaufen. ‚Nur noch zwölf!’ Das denke ich heute sehr, sehr zaghaft und es wirkt nicht recht als antreibendes Mantra.    Z W Ö L F    K I L O M E T E R   sind verdammt weit, wenn Beine sich anfühlen wie meine jetzt! Übers Dorfsträßchen bergauf, die Seite wechselnd, in eine Nebenstraße und dabei verschaffe ich mir Genugtuung, lasse den noch müderen Krieger hinter mir. Das erinnert an Duellszenen aus Sandalenfilmen, in denen letztlich einer obsiegt, doch seinerseits, aus klaffenden Wunden blutend, auf erschöpften Beinen wankend, die Schwertspitze im Staub schleifend, sekündlich zu stürzen droht. Ja ich wanke, aber stürzen werde ich nicht! Aufwärts, immer weiter aufwärts. Jeden Schattenfleck versuche ich in meinen Kurs zu integrieren. Schweiß will abgewischt werden - noch 10 Kilometer.

Seltsam ist das schon: Obwohl ich wirklich kämpfen muss, entsteht nicht dieses Gefühl von sich stetig verlängernden Kilometern. An jeder Tafel eher der Eindruck: ‚Hoppla, schon wieder ein Kilometer um!’ Tatsächlich fehlt auch nicht die Kraft, viel langsamer werde ich aufwärts nicht. Es ist, als müssten Muskeln gegen fesselnde Gummibänder anarbeiten, als bewegten sich Beine durch eine zähe Masse. Aber sie bewegen sich - noch 8 Kilometer. Aufwärts, immer weiter aufwärts. Dann trennt ein Schild die Strecke: Marathonis links, Halbmarathonis gerade aus. Links bedeutet - natürlich! - weiter bergauf. Aber dafür schlüpfe ich sogleich in kühlen Forst. Vorbei an einem Teich, dem in den nächsten Minuten weitere folgen. Eine Tafel wirbt für einen „Anglerpark“, oder so ähnlich. Rauf, immer weiter rauf. Mitten im Wald der erwartete Streckenposten. Vier junge Leute „bewachen“ die Stelle, an der ich in ein paar Minuten, nach erbrachter Extraschleife abbiegen muss. Jetzt ignorieren sie mich, lassen mich geradeaus weiter laufen. Nur ein Läufer begegnet mir auf Gegenkurs. ‚Sind die anderen schon soweit voraus?’ In der Zusatzschleife erreiche ich einen höchsten Punkt, darf nun etwa 1.500 Meter Gefälle genießen. Obwohl - ein Genuss ist das nicht. Und merklich schneller bewegen sich meine Beine auch nicht. Schmerz und „innere Gummibänder“ verhindern es. Ein herbes Abstrafen für die anfängliche Vermessenheit. ‚Das hast du Depp verdient, genau das!’ gehe ich mit mir einigermaßen hart ins Gericht.

Auf dem kurzen Stück vorm Abzweig kommen drei, vier Läufer entgegen. Einer kennt mich offensichtlich. „Super Udo!“ bringt er halblaut heraus, da wohl selbst im Anstieg heftig fightend. ‚Wird mich wohl aus dem Forum kennen!?’ - Schnelle Schritte von hinten. Ach nein, nicht schon wieder! Hab ihn kaum gehört, dann isser auch schon heran, gleich auf und … Jähes Erkennen! Das ist doch ...! „Ja hallo! Bist du auch hier? Hatte dich am Start gar nicht gesehen!“ bricht es erfreut aus mir heraus. Natürlich fällt mir der Name nicht ein. Letztes Jahr kämpften wir uns zusammen über die 50 km von Rengsdorf und trafen uns drei Tage später in Windhagen wieder. Es ist Hermann, der seinen linken, unbeweglichen Arm mit einer Schlinge an der Hüfte fixieren muss. Hermann scheint noch gut drauf, soll sich von mir nicht aufhalten lassen. Mit „Mach’s gut, wir sehen uns dann im Ziel!“ schicke ich ihn weiter und er gewinnt rasch an Vorsprung.

Der Abzweig! Nach links und ... nach oben. Scheußlich! Schon wieder dieser scharfkantige, grobe Schotter. Immer wieder hatte ich mit diesem ekelhaften Geläuf zu kämpfen. Viel häufiger als im Vorjahr. - Die Erinnerung täuscht mich nicht, dieser letzte große Anstieg ist in der Tat steil und zieht sich über einen Kilometer hin. Mir wird er „versüßt“ durch die Beobachtung, dass andere auch nicht mehr schneller sind. Zum einen Hermann, unser Abstand verkürzt sich sogar wieder. Und dann ist da noch „Schmidtchen Schleicher“! Sein Bewegungsablauf gestaltet sich nun nicht mehr ganz so fließend. Hermann zieht an ihm vorbei und ich schließe Meter um Meter zu diesem Duo auf. Danke für das „kleine Läuferglück“ ausgerechnet in dieser mörderischen Schlusssteigung wieder Tuchfühlung zu bekommen. Auf diese Weise fällt sie mir nicht schwer. Zuletzt flacht der Weg ab und ein letzter Verpflegungsstand kommt in Sicht - noch zwei Kilometer. Gut zehn Minuten vor dem Ziel noch einmal trinken? Das ergibt für mich keinen Sinn. Aber Hermann und „Schmidtchen Schleicher“ verpflegen sich und schon rücke ich zwei Plätze nach vorne. Zwei vermeintliche Jäger hinter sich zu wissen macht noch einmal mächtig Beine. Zumindest hab ich den Eindruck erheblich schneller zu laufen - wieder mal abwärts, der Sonne in hohem Nadelwald entzogen. Gut einen Kilometer halte ich das Tempo, gebe alles. Ich horche nach hinten, kann aber keine Schritte wahrnehmen.

Aus dem Wald auf eine Straße, zweihundert Meter ansteigend, Radfahrer mit Kindern auf Gegenkurs, informiert mich: „Sie liegen ungefähr an 10. Stelle.“. Letztlich gleichgültig, dazu sehr ungenau wie sich heraus stellt, dennoch hilft es mir ein bisschen dabei diesen Buckel zu besiegen. Streckenposten winken mich in den nächsten abschüssigen Weg. Grobe Steine martern mein unteres Körperende letztmalig: ‚Boah tut das weh! Sch…egal, gleich bin ich im Ziel!“. 41 Kilometer gelaufen. Über eine Straße, sorgsam abgesperrt von Feuerwehr und neuerlich bergan. Zum letzten Mal, wie ich weiß, das Stadion ist nicht mehr weit. Ich höre schon die Stimme des Moderators aus dem Lautsprecher, muss noch im weiten Bogen außen herum, die letzten Meter auf einem Sträßchen in sanfter Steigung. Schon hier beginnt Unbill der Freude zu weichen. Erst recht als ich ins Stadion biege und die Tartanbahn betrete. Freude, diese Strecke noch einmal gelaufen und ein weiteres Mal bezwungen zu haben!

Der Sprecher hat sich gut vorbereitet, erzählt den Leuten von meinen 24h-Lauf-Plänen im Juli und dass dieser Lauf für mich ja „nur“ ein Trainingslauf sei. Kaum über der Ziellinie hält er mir mit den Worten „Geht’s schon wieder?“ das Mikro unter die Nase und ich gebe das erste Interview meines Lebens. Klar geht das, Marathonis kommen nicht wirklich außer Atem. Höchstens im Schlussspurt und der gestaltete sich sehr verhalten. Also erzähle ich den Leuten, dass mir Windhagen mein elftes Finish in diesem Jahr bescherte und insgesamt etwa zwanzig auf den 24h-Lauf vorbereiten sollen …

Geschichte wiederholt sich nicht. 2007 erwischte ich einen besonders guten Tag und hatte zudem das Glück einer schwächer besetzten Startliste. Sogar mit meiner damaligen Zeit hätte ich heute nur Platz acht belegen können. Der Vorjahressieger verbesserte sich um sieben Minuten und musste sich trotzdem mit Platz vier begnügen. Mir reichen 3:37:26 immerhin für den dreizehnten Rang und in meiner Altersklasse ließ ich alle hinter mir. Wichtiger: Windhagen 2008 belohnte mich wieder mit seiner wunderschönen Strecke, mit ausgezeichneter Organisation und tollen Begegnungen …


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