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   Don Quichote vorm Bienwald
                        -   Bienwald Marathon Kandel 2008

Links Wald, rechts Wald, über mir ein blauer, von dünnen Wolkenschleiern kaum getrübter Spätwinterhimmel - eine eher beiläufige Wahrnehmung. Inmitten des Gesichtsfeldes das graue Band der Straße, auf dem das Getrappel munterer Läuferfüße ein gewohntes Hintergrundgeräusch erzeugt. Nur einer stampft schwerfällig auf unerwartet müden Beinen und das bin ich. Bereits in dieser Frühphase, nach einem Viertel Marathon, fühle ich deutlich den Krafteinsatz für jeden Schritt. Ich kämpfe tatsächlich schon, dabei ist das Tempo nicht sonderlich hoch (etwa 5:10 min/km). Obschon man im Ausdauersport selten Gewissheit bekommt, wieso der eigene Körper nicht die erwartete Leistung bringt, brauche ich keine „Spurensicherung“, um den heute desolaten Jogg einzuordnen. Bin mit bereits hundert Trainingskilometern in dieser Woche angereist, also hinkt meine Regeneration hinter dem Pensum her. Ein Ruhetag war zu wenig. Zuweilen meine ich sogar den vom Sturm verwehten Husum Marathon vor acht Tagen noch in zähen Bewegungen zu spüren. So matt ging ich noch nie in einen Marathon. Also schon wieder Grund am Erfolg zu zweifeln? Ja natürlich! Die Frage kreist unablässig im Kopf: ‚Hab’ ich’s übertrieben und werde heute „aussteigen“ müssen?’ Aber warum erschrecken mich diese sehr berechtigten Bedenken nicht? Vielleicht, weil ich die bleierne Schwere „da unten“ von langen Läufen im Training kenne, die letztlich alle als Erfolg in meinem Trainingstagebuch vermerkt stehen. Nur lief ich dabei nicht so schnell und auch wenig weiter als dreißig Kilometer. Warum also bleiben Panik und Ängste aus? - Weiß es nicht genau. Mit dem bisher nie enttäuschten Glauben an mich selbst, an die Durchhaltefähigkeit meines Organismus hat es zu tun. Und das: Müde zu laufen heißt auf eine milde Weise zu leiden. Das kann ich stundenlang, hab’s oft bewiesen. Drum verlässt mich die Zuversicht einstweilen nicht, hier, mitten im Bienwald und dreißig Kilometer vor dem erhofft, glücklichen Finish …

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Gegen halb sechs reißt mich der Wecker aus tiefem Schlaf. Die Marathona auf der anderen Bettseite drückt mir einen Abschiedskuss auf und murmelt ein paar verschlafene Gute-Wünsche-Sätze. Man hört heraus wie schön die Aussicht auf Weiterschlafen ist. Neidvoll und müde krieche ich aus der Kiste, düse nach Kandel. Eine halbe Stunde hätte ich locker länger schlafen können. Dafür genieße ich das Privileg eines Parkplatzes direkt vor der Mehrzweckhalle. Noch immer müde und leicht zerschlagen schäle ich mich aus dem Auto. Mit ein bisschen Räkeln versuche ich Lebensgeister zu wecken - vergebens. Nach dem Abholen der Startnummer und einem kurzen Rundgang über die Noch-nicht-oder-nicht-mehr-Marathonmesse ist keine Besserung eingetreten. Körper und Geist dämmern weiter. Um neun finde ich mich zum Fori-Treffen vor dem Haupteingang ein. So recht realisiere ich nicht, wer sich zum Rendezvous unterm „laufen-aktuell-Schild“ eingefunden hat. Andererseits gelingt es mir auch in geistiger Normalform kaum, mehrere, in schneller Folge ausgesprochene Namen einzusortieren. Wie immer hoffe ich auf Verständnis in der angetretenen Riege. Regelrecht antriebslos stehe ich dabei, kann mich schwer auf die Gespräche konzentrieren. Allenthalben wird Freude über das beinahe ideale Wetter geäußert. Mir gefällt vor allem, dass die Wolken sich zusehends „dünne machen“. Allerdings friere ich, was sicher auch von der inneren „Katerstimmung“ herrührt. Ja, genau, ein bisschen nach durchzechter Nacht fühlt sich das an. Dann zerstreut sich die nette Fori-Gruppe und ich schließe meine Vorbereitungen ab, natürlich unkonzentriert. Chip am Fuß? Schnürsenkel gesichert? Hat der Forerunner seine Satelliten gefunden? Autoschlüssel in Gesäßtasche und Reißverschluss zu? - Fünf Minuten vor Ende des Countdowns latsche ich in Richtung Startaufstellung. Halt! Hab ich das Auto verschlossen? Also noch mal zurück. Check! „Logo“ war’s verriegelt und nun in verhaltenem Aufgalopp zum Pulk der fast zweitausend Läufer. Wo ist meine Box, Zielzeit 3:30h?

Ich stehe und lausche. Der Sprecher kündigt den Landrat an, der dann flüssig seine Grußadresse übermittelt. Bei ähnlichen Gelegenheiten hab ich lokale Größen, offensichtlich Nichtläufer, schon manchen Unfug sagen hören. Der Herr Landrat belässt es bei wenigen, dafür läuferisch korrekten und motivierenden Sätzen. Zum Schluss unterläuft ihm allerdings ein kleiner, heftig belachter „Lapsus linguae“, als er seiner Hoffnung Ausdruck verleiht, jeder Läufer möge heute seine „Tagesbestleistung“ erreichen. ‚Na, das ist mal sicher’ formuliere ich in Gedanken automatisch, was mir prompt einen frechen Kommentar des immerwachen Bedenkenträgers einbringt: ‚Wenn du überhaupt ankommst!’ - „Noch 50 Sekunden!“ schallt es von vorne. Der Sprecher zeigt sich ungehalten als die Zeit um ist und der Start nicht möglich: ‚So lange die Zeitmessung pfeift, weil einer von euch noch den Fuß auf der Matte hat, geht hier gar nichts!“ rügt er. Und Sekunden später: „Also jeder hat doch eine Schulbildung und sollte kapieren, worauf es jetzt ankommt!“ Dann scheinen die Hufe der nervösen Hengste endlich im nötigen Abstand zu scharren. Die jetzt wieder versöhnlich klingende Stimme zelebriert das Runterzählen und schickt uns mit mickrigem, kaum hörbarem „Schüsschen“ Richtung Bienwald. Nach Art der „Ziehharmonika“ pumpt sich das Läuferfeld über die Startlinie. Ich erreiche sie knapp anderthalb Minuten nach dem Startschuss und „löse die Datenaufzeichnung meines Forerunners aus“. Ach ja, früher konnte ich einfach sagen: Ich starte die Stoppuhr! Das ist nun vorbei, meine Welt ist wieder ein Stückchen komplizierter geworden ;-)

Bis jetzt erinnert mich vieles an letztes Jahr. Dazu gehört auch die Laufbehinderung in der ersten, weit geschwungenen Rechtskurve, bis man die aus Kandel heraus führende Straße erreicht. Soll mir recht sein, dann brauche ich mich wenigstens nicht zügeln. Trotzdem fehlen ein paar Sekunden an den gewünschten 5 Minuten nach 1000 Metern. Meine Aufmerksamkeit gilt allerdings weniger der Zeit. Die miserable Zustandsmeldung der Abteilung „Beinbewegung“ lässt mich intensiv nach innen „horchen“. Müde, schwach, kraftlos. Diese Adjektive stimmen leider alle. Das Attribut „müde“ scheint mich durch diesen Tag zu verfolgen. Das ist nicht „normal“. „Normal“ wäre einen Marathon ausgeruht und - wenigstens bis zur Hälfte - leichtfüßig zu laufen. Ursachenforschung: Was mir Angst macht drängt sich zuerst auf: ‚Es wird doch nicht schon wieder ein Virus … !?’ - Dabei sehe ich nur vor lauter Wald die Bäume nicht. Eine harte Trainingswoche mit offensichtlich zu vielen Kilometern konnte ich mit nur einem Tag Pause nicht kompensieren. Dann flüchte ich mich ein Weilchen in die Hoffnung, dass es nur Einlaufschwierigkeiten sind …

Unwillkürlich halte ich nach den Plakatwänden an dieser Straße Ausschau. Letztes Jahr fand sich darauf jene pikante Unterwäschereklame, deren Spruch mich schmunzeln ließ. Heute grinst mich ein Elch von gleicher Stelle an. Das Maskottchen des Rundfunksenders SWR3 erinnert mich an die bei der Herfahrt gehörte Werbung zur Rundreise des „Elchlasters“: „100.000 Elche suchen eine neue Heimat!“ Mit verschenkten Plüsch-Elchen betreibt der Sender Öffentlichkeitsarbeit. Im flüchtigen Hinschauen lese ich allerdings nur die Zahl „1.000“ auf der Wand. Ob sich die anderen 99.000 Elche angesichts der hochgradigen Sinnlosigkeit einer solchen Aktion geschämt und heimlich davon gemacht haben?

Bei Wikipedia steht, eine Phobie sei die krankhafte, das heißt unbegründete und anhaltende Angst vor Situationen. Leide ich seit Husum und „Emma“ unter einer Windphobie? Kaum bleiben rechts und links die letzten Häuser von Kandel zurück, als mir ein durchaus als heftig und schneidend kalt empfundener Wind ins Gesicht bläst. Sofort durchzieht mich eine Welle von Ablehnung und restauriert ein bisschen „Husum“. Nö, keine Phobie, dieser Gegenwind ist real und trifft zudem auf einen alles andere als frischen „Krieger“. Dass ich unverzüglich langsamer werde, spüre ich in den Beinen, kann es aber auch an ausgeruhten Mitläufern festmachen. Liefen wir eben und für eine Weile noch auf gleicher Höhe, so ziehen sie jetzt Meter um Meter davon. Psychotherapeuten werden keinen Cent an mir verdienen: Rechter Hand, hinter flacher Kuppe, erheben sich vier Windkraftanlagen, die just in diesen Minuten viele tausend Kilowattstunden ins Netz einspeisen. Also schließe ich den Reißverschluss meines Laufshirts bis zum Stehkragen und biete dem Feind die Stirn. Zum Glück nur einen reichlichen Kilometer, dann nehmen uns die Häuser der Ortschaft Minfeld auf. Mal links rum, jetzt nach rechts und schließlich auch noch in enger Schleife - so klein das Dorf sein mag, bald zwei Kilometer Laufstrecke hat man für uns drin abgemessen. Ein paar Dörfler lassen es sich nicht nehmen die Laufverrückten zu beklatschen. Nicht mal ahnen können die, dass dazwischen ein Paar matter Beine trommelt. Aus Beifall mach’ ich mir Skepsis: ‚Ob das gut geht?’

„Läufst du dieses Jahr auch wieder in Biel?“ Die Frage reißt mich aus dumpfem Brüten, der Kopf fährt aufgeschreckt herum. „Nein!“ antworte ich wie aus der Pistole geschossen und sparsam. Widerwille flammt auf, das Leistungstief macht mich noch redefauler als sonst. Aber so schnell gibt der Biel-Finisher an meiner Seite nicht auf, schwärmt vom tollen Erlebnis im letzten Jahr. Dann will er wissen, wie ich den Lauf erlebte. Auf meinen barschen, abwertenden Fünf-Worte-Kommentar war er nicht gefasst, versteht es nicht: „Aber das Wetter war doch optimal!?“ Wie bitte? Kurz spekuliere ich, ob in einem Läufer-Paralleluniversum noch ein anderes „Biel“ existiert, in dem jener sich seinen 100-Kilometer-Traum erfüllte. Was soll ich dem jetzt sagen? Wie könnte ich meinen größten sportlichen Erfolg, der mir zugleich einige der finstersten Läuferstunden bescherte, in ein paar hin gehechelten Sätzen beschreiben? Dafür brauchte ich im Laufbericht etliche DIN-A4-Seiten und Oberflächlichkeit ist meine Sache nicht. Der Widerwille steht im Zenit und so schweige ich. Blöde Läufereitelkeit! Isses nötig das Biel-Finish wieder mal per Laufshirt auf 42195 Metern zur Schau zu stellen? Zum Glück taucht der erste Verpflegungsstand hinter einer Rechtsbiege auf und befreit mich vom Druck vielleicht doch noch ein paar erläuternde Sätze nachzuschieben.

Zwanzig Meter vor der Bewirtung treffe ich eine taktische Tagesentscheidung: Ich trinke heute „Iso“, kein Wasser. Während Trainingsmarathons beschränke ich mich sonst auf Wasser pur, um eine möglichst tiefgründige Ausschöpfung der Kohlenhydratspeicher zu erreichen und den Fettsäurestoffwechsel maximal zu stimulieren. Heute, da ich von Beginn an „schwächele“, ist mir das zu riskant. Ein Minimum an Zucker und Elektrolyten möchte ich zu mir nehmen. Gelb stürzt es aus weißem Plastikbecher in meine Kehle. Zwei Schlucke „Marke Kuhmaul“ und ohne merklichen Verzug wetze ich weiter.

Über die hindernisfreie Wiesenlandschaft hinter dem Dorf fegt wieder kalter Wind. Hauptsächlich von der Seite, aber eine merkliche Komponente sorgt für Widerstand. - Kennst du diesen Effekt? Netter, kleiner Rundkurs mit anfänglichem Gegenwind. Freudiger Gedanke des Läufers: „Ach, dann hab ich den ab der Hälfte, vor allem im müden Schlussteil, zum Glück von hinten!“ Dann läufst du und trabst und gleichgültig in welche Richtung, der Wind kommt irgendwie immer von vorne … Das ist sehr, sehr mysteriös und es gelang mir bisher ebenso wenig dieses Rätsel zu entschlüsseln, wie Einsteins Relativitätstheorie. Nach fünf Minuten brauche ich auch nicht mehr darüber nachdenken, weil wir die Straße verlassen und hurtig am Waldrand in Deckung gehen. Guter Bienwald, ich mag dich sehr! Ein Bachlauf begleitet für wenige Meter unseren Weg, bis uns Jungwald mit dichtem Unterholz umschließt. In der Ferne erkenne ich das Naturfreundhaus, davor eine frenetisch anfeuernde Zuschauerkolonie. Das ist alles noch so vertraut, kaum zu glauben, dass schon wieder ein (Lauf-) Jahr vergangen ist …

„Emma“ hat mir wirklich übel mitgespielt. Zweihundert Meter nach dem Naturfreundehaus öffnet sich eine breite Schneise und wieder zieht es kalt und vehement von Westen. Allerdings wäre mir diese Tatsache ohne das zugige Laufgeschehen vom letzten Wochenende sicher keinen Satz mehr wert. Die Widrigkeit verstärkt das Gefühl von Schwäche in den Beinen. Eingelaufen bin ich jetzt, denn mehr als sieben Kilometer liegen hinter mir, und der Motor bringt nach wie vor die Leistung nicht. In Gedanken gehe ich die Trainingswoche durch und fahnde nach jener Einheit, die ich hätte entschärfen sollen. Aber das bringt nichts. In der Summe war es zu heftig. Natürlich kann heute auch „was quer sitzen“, die berühmte Tagesform eine „Delle“ haben - schlechter Biorhythmus. Aber ich glaube nicht daran.

Endlich ist der Waldrand erreicht. Also bitte keine weiteren „windigen“ Belästigungen mehr! Ich lasse meine Blicke nach links und rechts im Bienwald schweifen. Die eigene Befindlichkeit verwandelt Impressionen entlang einer Laufstrecke. Im letzten Jahr rannte ich in Hochstimmung durch den Forst, konnte mich kaum satt sehen. Heute wirkt das Naturschutzgebiet weit weniger attraktiv, angestrengtes Laufen entfärbt aufgenommene Bilder: Der Wald ist weniger grün und die Flecken Himmel zwischen den Wipfeln zeigen sich in stumpfem Blau. Und doch bin ich nicht unzufrieden, habe was ich will. Ich laufe bei gutem Wetter durch einen schönen Wald …

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Auf langer, breiter Straße fährt uns ein Motorradpolizist entgegen. Erst als der dunkelhäutige Läufer bereits heran ist, dann vorbei fliegt, begreife ich: Einer der vom Startmoderator begrüßten Kenianer führt das Feld der Halbmarathonis an. Über Minuten dehnt sich die Lücke, bis die weißhäutigen Verfolger erkennbar werden. Wenn der Afrikaner nicht über seine eigenen Füße fällt, ist der Ausgang des Laufes schon entschieden.

Irgendwo da vorne erwarte ich die „Weiche“, den Wendepunkt für die Halbmarathonis. Ich hangele mich von Kilometer zu Kilometer. Längst liegen die Splits mehr oder weniger deutlich über 5 min/km. Jede Zwischenzeit entfacht den inneren Zwiespalt aus Können und Wollen neu. Natürlich wär’s möglich ein bisschen auf’s Tempo zu drücken. Wie bitte? Wozu denn das. Nicht mal Ankommen ist sicher, welche Wertigkeit hat da eine bessere Zielzeit? Unter 3:40h würd’ ich’s schon gern packen, das liest sich besser auf der Urkunde. Depp! Lauf verhalten, setz’ nicht das „große Ganze“ aufs Spiel. Denk an Rom in einer Woche, an die vielen noch vor dir liegenden Testläufe. Vernunft gewinnt die Oberhand, entscheidet gegen den Ehrgeiz. Vernunft schärft aber auch den Blick für die eigene Begrenztheit und weckt den Infragesteller: ‚Warum tust du das? Warum Marathonläufe im Wochentakt und dazwischen auch noch elend viele Trainingskilometer? Was bringt das? Du bleibst ein Namenloser. Niemand wird dir ansehen, dass das schon dein soundsovielter Marathon ist, dass du vor einer Woche dem Wind trotztest und heute nur deshalb so gequält drein schaust, weil deine Beine seither schon wieder hundert Kilometer intus haben. Warum bist du nicht mit weniger zufrieden und hast mehr Spaß?’ - Eine hübsche, kleine Depression zwischen den Kilometern elf und zwölf inmitten von Wald und trappelnden Läuferfüßen. Aber gelernt ist gelernt. Es gehört zu den nicht seltenen Trainingslektionen, diesen Miesepeter auszuhalten. Wenn es nicht gut läuft, kaut der mir jedes Mal das innere Ohr ab, verzieht sich aber regelmäßig danach in seine Schmollecke …

Immer dichter wird der Gegenstrom der Halbmarathonis, dann erkenne ich die Weiche und halte mich am rechten Straßenrand. Läufer haben die Chance sich selbst umfassender zu erfahren, als es dem Bevölkerungsdurchschnitt möglich ist. Sie versetzen sich mit Ausdauerleistungen in körperliche Ausnahmesituationen. Dort öffnet sich ein ganzes Universum abgestufter Emotionen und beileibe nicht nur der edlen Art. So mühsam ich auch unterwegs sein mag, ein Quäntchen dummen Stolzes lässt mich erhobenen Hauptes weiter traben, als die Hauptmacht der Läufer um die Wendestange aus meinem Gesichtskreis verschwindet. Ich lass mir den blöden Impuls durchgehen, obwohl er meine wirkliche Einstellung nicht im Mindesten repräsentiert. Nach meinem Glaubensbekenntnis hat jeder Läufer und jede Laufdistanz denselben Wert. Ich hab mich halt der langen Langstrecke verschrieben, auch wenn in Frage steht, ob ich ihr heute gewachsen sein werde.

Eine Läuferkette mit deutlich weniger Gliedern zieht vor mir her. Außer Wald gibt’s nichts zu sehen, außer Anstrengung nur eins zu fühlen: Gegenwind. Dieser hinterhältige Geselle nutzt die von der Straße geschlagene Schneise, um’s mir noch ein wenig zu besorgen. Ich trabe, trabe, trabe … Immer wieder einmal werde ich überholt. Bin ich langsamer geworden? Das GPS-Orakel tönt „nein“. Also weiter. Ein paar hundert Meter voraus finden die Augen den Abzweig in Richtung des zweiten Marathonwendepunktes. Als ich mich ihm nähere, kommt ein Auto mit blinkender Rundumleuchte entgegen. Aus quäkendem Lautsprecher schallt Gute-Laune-Musik herüber. Im Schlepptau des Fahrzeugs rennt der führende Marathoni. Es ist Helmut Dehaut, den ich vom 6h-Lauf in Troisdorf 2006 her kenne und auch in Biel traf, wo er den Sieg nur um wenige Sekunden verfehlte. Heftig kämpfend biegt er rechtwinklig von der Straße ab. Zweihundert Meter dahinter halten zwei Verfolger Tuchfühlung. Ob Dehaut dieses „Ding“ gewinnen kann? Ich wünsch’ es ihm!

Der Gegenstrom schwillt an. Gequälte Gesichter wechseln sich mit nahezu unbeeindruckt wirkenden ab. Der Bienwald Marathon ist ein Klassiker und er findet im Winter statt. Das garantiert eine hohe Leistungsdichte im Läuferfeld. Die mich hier passieren bleiben noch alle unter drei Stunden (Insgesamt schafften es 60 von 600 Läufern!). Kaum zu glauben mit welch miserablem Laufstil manche dieser schnellen Leute daherschlurfen!

Knapp einen Kilometer voraus, hinter dem Waldrand, bauen sich die ersten Häuser der Ortschaft Schaidt wie eine Sperre auf. Aus dem Vorjahr weiß ich: Dort knickt die Strecke nach rechts. - Zaghaft zeichnet sich ab, womit ich nun wirklich nicht mehr rechnete. Ich fühle mich kräftiger, muss mich weniger quälen. Anfänglich traue ich dem Frieden nicht. Im Training fallen einem immer wieder mal ein paar Minuten leichter als der Rest. Aber es bleibt dabei und schneller werde ich auch. - Wie schon letztes Jahr hat sich vor dem Dorf ein Fanfarenzug postiert, dessen Klänge mich nach dem Richtungswechsel noch eine Weile begleiten. Waldrand so weit das Auge reicht, linksseitig lockere Bebauung. Eine Radlerin überholt mich, kurvt um einen Pulk entgegen keuchender Läufer, hält am Straßenrand, späht ein wenig ratlos erst nach vorne, dann zurück. Wo ER wohl stecken mag?

Was’n das? Die Route knickt nach links und just an der Ecke steht ein Kleinlaster, an dem sich zwei „Strippenzieher“ zu schaffen machen. Arbeiten am Sonntag? Muss so sein. Von einem Pfosten hängen Kabel (Fernmeldekabel?) schlaff ins Gras. Handelt es sich da um eine noch immer ungesühnte Missetat der bösen „Emma“? Hinter der Ecke, am nächsten Pfosten, dasselbe Bild spannungslos baumelnder Kabel. - Die erste Marathonwende ist in Sicht, erreicht und schon kurve ich um die Stange, bin auf Gegenkurs und renne wieder ein bisschen gegen den Wind. Allerdings noch immer leichtfüßiger als auf den ersten Kilometern. Bin gespannt, wie lange dieses Stoffwechsel-Zwischenhoch anhält. Wieder um die Ecke, vorbei an der Kabelbaustelle, aus der Ferne schallt schon Fanfarenklang. Die Radlerin wartet noch immer. Kommt ER nicht? Lauter werden die schmetternden Klänge, bohren sich grell ins Trommelfell. Meine Stimmung ist besser jetzt. Äußeres Anzeichen? Aber ja doch: Mit sparsamem Wink bedanke ich mich bei den Musikanten.

19 Kilometer gelaufen. „Hallo Udo!“ Einer der Foris praktiziert verbales Abklatschen und ich schicke Handzeichen und Lächeln zurück. Vorhin grüßte schon einmal einer, allerdings so spät, dass er meine Antwort vielleicht gar nicht mitbekommen hat. Die Kraft in den Beinen hat weiterhin Bestand. Übermütig werde ich nicht, halte jetzt aber wieder den Schnitt bei 5 min/km. Na ja, im Augenblick nicht, denn auf einer Schneise von drei-, vierhundert Meter zieht’s unangenehm von vorne.

Auf diesen Moment hab ich gewartet. Ich sah ihn heute Morgen schon vor der Halle und nun trabt er mir entgegen - der Weltrekordler. Unsere letzte Begegnung ist gerade mal acht Tage alt. Er kennt mich nicht, dafür ich ihn umso besser: Horst Preisler in seinem 1543. Marathon. Dazu muss ich niemandem mehr etwas sagen, der meinen letzten Laufbericht las … Meine Begeisterung für den Laufsenior entlädt sich als lauter Anfeuerungsruf: „Bravo Horst!“ Artig dankt er und winkt zurück.

Der Abzweig zum zweiten Wendepunkt ist erreicht und kurz nach dem Abbiegen die Halbmarathonmarke in Form quiekender Matten der Zeitnahme. Im Kopf mal zwei ergibt als Endzeit etwas weniger als 3:40h. Wenn ich das gegenwärtige Tempo halte, könnt’s auch etwas weniger werden. Bewahrheiten sich dagegen noch immer gehegte Befürchtungen, dann breche ich heute irgendwo jenseits der „30“ ein. Mal sehen …

Der Tross vor dem ersten Läufer kündigt sich an und dahinter läuft … nicht mehr mein Favorit Dehaut. Sein ziegenbärtiger Verfolger hat ihm inzwischen etwa zweihundert Meter abgenommen. Ob das schon entschieden ist? Fast mag ich es glauben, so locker wie der Führende läuft. Dagegen hinterließ die Anstrengung in Dehauts Konterfei bereits deutliche Spuren.

Links, dann wieder rechts, neuerlich links und ein letztes Mal nach rechts, das Ganze verteilt über mehr als 5 Kilometer. Dichter Wald erstreckt sich beidseits des asphaltierten Forststräßchens, mein Intimfeind hat hier keine Chance. Mehrmals bedecken ausgedehnte Pfützen den Waldboden. „Emma“ scheint über dem Bienwald mit Regen nicht gegeizt zu haben. Ich bin noch etwas schneller geworden, meine Splits auf dem Hinweg zum ersten Wendepunkt liegen allesamt knapp unter 5 min/km. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Niemand überholt mich mehr seit etwa Halbmarathondistanz. Dafür ziehe ich an manchem Läufer vorbei. Einen lässt das nicht ruhen, der heftet sich an meine Fersen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Schritte und Atemzüge sind deutlich vernehmbar und ich hoffe inständig, dass er mir nicht in die Hacken tritt. Beschleunigungsexperimente, um ihn abzuschütteln, wage ich heute nicht und bewusst langsamer werden will ich auch nicht. Ein, zwei Kilometer später, kurz vor der zweiten Wende, bin ich ihm dann scheinbar im Weg und er zieht langsam wieder vorbei.

Wende und zurück: ‚Warum trödelt der jetzt so? Egal, halt Tempo!’ Ich überhol ihn zum zweiten Mal und er ward nicht mehr gesehen. 27 Kilometer gelaufen. Ja, doch, die spüre ich recht deutlich in den Beinen, aber auf die bekannte, normale Weise. Erfreut und dankbar registriere ich die völlige Abwesenheit irgendwelcher Wehwehchen. Keine Sehne, kein Knie, noch Spreizfuß meldet sich. Erstaunlich. Ganz sorgenfrei darf ich trotzdem nicht laufen. Ein paar Mal hat es schon vernehmlich im Unterleib gegluckst, leichtes Drängen von drinnen nach draußen inklusive. Das brauch’ ich nicht hören, das fühl’ ich. Verdacht: ‚Vielleicht liegt es an diversen Bechern „Iso“, die ich mir verabreichte!?’ Und der Entschluss: Nichts Flüssiges mehr bis ins Ziel. Also ignoriere ich die noch folgenden drei Verpflegungspunkte und alles wird gut …

Kurz vor der Rückkehr auf die breite Straße durch den Bienwald eine erfreuliche Marke: 30 Kilometer. Kann sein, der Einbruch kommt noch, aber dass ich laufend das Ziel erreiche scheint mir jetzt so gut wie sicher. Endlos weit dehnt sich der Rückweg über das breite Asphaltband. 31, 32, 33 … Mein Körper lässt das Leiden eine Stufe eskalieren und mich die fürs Laufen so ungemein wichtigen Gesäßmuskeln deutlich spüren. ‚Egal! Das kenn ich, hat nix zu sagen!’ Zugleich muss der Wille intensiver treiben und Durchhalteparolen generieren: ‚Nur noch neun Kilometer!’ - ‚Einfach weiter laufen! - Nicht nachlassen! - Tempo halten!’ Dann wieder mal was Neues in Sachen Selbstmotivation. Unverhofft erfindet mein Kopf eine neue Zählweise. Gerade vorbei an Kilometer 33, fixiert er das nächste Zwischenziel: ‚Jetzt will ich die „34“! Los, die „34“ muss her!’ Einen Kilometer weit kreist dieser Spruch in meinen Gedanken wie die Trommel einer buddhistischen Gebetsmühle. Dann gehört mir die „34“ und die Formel erfährt eine winzige Korrektur: ‚Jetzt will ich die „35“! …’ Macht nicht den Fehler die Wirkung solch autosuggestiver Denkmuster zu unterschätzen. Mir helfen sie jedenfalls über die nächsten Kilometer. Kilometer, auf denen mein Körper immer dringlicher um Ruhe bettelt. Allein der Wille, unterstützt von rotierender Gebetsmühle, hält ihn davon ab stehen zu bleiben. 36 Kilometer - das breite Asphaltelend ist zu Ende. Links schwenkt marsch.

Kilometer 37: ‚Nur noch 5 Kilometer!’ denkt’s in mir und nutzt eines der älteren, bewährten Mantras. Manchmal schmerzen fünf Kilometer vor Schluss alle Aggregate südlich der Gürtellinie. Heute nicht. Entweder sind die Beschwerden tatsächlich geringer als sonst, oder die inzwischen rasant wachsende Schwäche überdeckt alles. Ein bisschen hänge ich jetzt durch, gestatte mir auf wachsweichen Beinen ein paar Sekunden zu verschenken. Raus aus dem Wald. Der Weg quert bekannten Wiesengrund und leitet auf steinernem Steg über einen Bach. 38 Kilometer. Alles Körperliche winselt unisono „Aufhören!“, aber ich will weiter und bete unbeirrt mein Mantra: ‚Noch vier Kilometer. Nur noch vier!’

Wieder untertauchen im Wald, vorbei am Naturfreundehaus. Jetzt steht hier niemand mehr, alle warten im Stadion auf die Matadoren. Nun bediene ich mich schon geschätzter Kommawerte: ‚Grad mal noch dreieinhalb Kilometer! Nicht mehr weit!’ Eine Lichtung. Hier hörte ich im letzten Jahr bereits den Stadionlautsprecher. Lausche. Höre nichts. Der Wind ist schuld, hält akustisches Elixier von mir fern. Dann liegt der Wald hinter mir - endgültig wie ich weiß. Seitenwind erfasst mich. Wie eine Art moderner „Don Quichote“ renne ich auf die kolossalen Windräder zu, die hinter jenem recht flachen Hügel heftig im Himmelblau rotieren. Ihre Ausrichtung verheißt mir Hilfe, darf ich doch vor den ersten Häusern von Kandel scharf rechts abbiegen. Gut einen Kilometer mit Windkraft im Rücken. Obzwar auf recht wackligen Füßen unterwegs, werde ich noch Mal schneller. Kilometer 40. Ein paar „Konkurrenten“ müssen auf diesem Abschnitt noch „dran glauben“. Wie immer schiebt mich das. Dabei ist unwichtig, eigentlich schade, dass die anderen langsamer sind. Motivierend ist die Gewissheit sogar auf wimmernden, schwachen Beinen nicht klein bei geben zu müssen, das eingeschlagene Tempo eisern halten zu können.

Zwei Radler begleiten einen mühsam trabenden Läufer. Man hört mich kommen und eine pedalende Frau verschafft mir Vorfahrt. Ihr „Achtung Läufer!“ öffnet eine Gasse. Und durch und vorbei. Das Stadion! Ich biege auf die Zufahrt ein und laufe in sanftem Gefälle. Es ist hart, im wahrsten Sinne des Wortes „beinhart“. Doch so kurz vor dem Ziel - eben passiere ich „41“ - wird das zur Nebensache. Hab’ Zweifeln und Schwäche Paroli geboten, laufe meinem 38. Finish entgegen, nichts anderes zählt. Eine Linkskurve bringt mich auf Parallelkurs zum Stadion. Trassenband und Zaun markieren den Laufweg. Da steht noch einer der Foris und applaudiert mir. Gut gelaunt klatschen wir ab und dann ist es soweit. Unter Beifall laufe ich ins Stadion, betrete die Tartanbahn und wie immer, wenn die Kraft noch fließt, werden meine Schritte von einer unbekannten Automatik beschleunigt. Letzte Kurve, Zielgerade und ich höre meinen Namen und Verein aus den Stadionlautsprechern. Jetzt gehört er mir - der Bienwald Marathon 2008!

Ein Kompliment in Richtung der Veranstalter sollte nicht fehlen: Routiniert, ohne Fehl und Tadel, habt ihr vielen Läufern einen schönen Tag bereitet. Und das für erstaunlich wenig Geld. Weiter so!


     Zur Kurzkritik


 

Ergebnis: 3:35:26, Platz 282 von 599, Platz 20 von 54 in M55

 

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