Gedanken  zum  Laufsport

Donnerstag, 7. Mai 2020

Gedanken zum Laufsport  -  Teil 3 der „Corona-Edition“

Ich versuche mein Verprechen einzulösen und suche nach einer Antwort auf die Frage: Was macht einen Läufer aus? - Die folgenden Zeilen werden zeigen, dass ich mich ohne Dünkel und nach Kräften mühte den Sachverhalt zu erhellen. Zugleich dokumentieren sie mein unsicheres Tasten und einstweiliges Scheitern. Jedes Mal, wenn ich mich auf der Zielgeraden wähnte, bedrängten mich Zweifel, erzwangen neuerliches Durch- oder Umdenken. Als Folge des argumentativen Hin und Her meine ich indes erkannt zu haben, wieso mir diesmal der Erfolg noch versagt bleiben musste. Doch lies selbst …


Bist du Läufer?

Schon seltsam in welchem Ausmaß die Furcht vor potenziell todbringenden, organischen Winzlingen unser Dasein von gestern auf heute lähmen und auf den Kopf stellen konnte. Vielleicht reibst auch du dir verwundert die Augen, der du mit dem Virus lebst. Nun ja, hoffentlich nicht mit dem Virus in dir, ganz bestimmt aber mit den Verordnungen und Restriktionen, die zu seiner Eindämmung in Kraft gesetzt wurden, wie auch deren Folgen. Aber hat sich auch dein Leben als Läufer so drastisch gewandelt wie meins? Zunächst: Keine Laufveranstaltungen mehr! Zwar lebt meine Laufleidenschaft auch abseits „offizieller Spielwiesen“ munter weiter, das Sammeln von Marathons und Ultras ist mir dennoch wichtig. Seit langem schon verleiht es meinem Bewegungsdrang Richtung und Struktur.

Die zweite Veränderung betrifft meine treue Begleiterin Roxi. Auf vier Beinen war sie stets dabei, nun viel seltener. Frauchen hat Schuld, weil die derzeit arbeitstäglich im heimischen Kontor (Home-Office) Wirtschaftsgüter ihres Brötchengebers „verscherbelt“. Den Tag im Home-Office zu Füßen ihres heiß geliebten Frauchens zu verdämmern macht unsere alte Frau Roxi um einiges glücklicher als mit Herrchen um die Häuser zu ziehen. Wer nun aber - drittens - glaubt, ich verbrächte meine Läufe in weitgehender Einsamkeit, geht fehl. Was es nirgendwo mehr gibt, sind unbelebte Laufstrecken. Allein bliebe ich dort allenfalls in den Dunkelstunden einer Erddrehung. Jüngst hörte ich von einem, den der Wunsch nach Abgeschiedenheit dazu treibt nächtens und mit Stirnlampe zu joggen. Der Aussicht auf fehlende Aussicht kann ich nichts abgewinnen. Auch mir geht es vornehmlich ums Laufen, aber sehen will ich dabei auch was.

Früher Samstagnachmittag im ungewohnt sonnenverwöhnten April. Bei frühlingshaften Temperaturen breche zu einem vergleichsweise kurzen, dafür etwas flotteren Läufchen auf. Start an der Haustür, was zwangsläufig bedeutet eine von vielfach genutzten Routen einzuschlagen. Von Beginn an, noch im Dorf und auf dem Radweg entlang der Ausfallstraße, begegne ich erstaunlich vielen Leuten. Ein Trend, der sich Minuten später auf dem Damm am Flussufer zu verstärken scheint. Vor wenigen Wochen noch trabte ich hier an einzelnen, reglos aufs Wasser starrenden Anglern vorbei. Heute erkenne ich mich als Teil eines Wimmelbildes, durch das sich zahlreiche Indoor-Flüchter überwiegend auf Fahrrädern bewegen. Und es dauert auch nicht lange, bis ich den ersten Jogger sichte. Mittlerweile habe ich eine Art Reflex entwickelt, unterziehe jeden „Daherlaufenden“ hinsichtlich Aufmachung und Bewegungsmuster einer forschenden Inspektion. So eingehend wie es die Kürze der Begegnung und gegenüber Frauen die Schicklichkeit männlichen Hinguckens zulassen. Nach Abschluss des visuellen Übergriffes fasse ich meinen Eindruck in einem spekulativen „Ja“ oder „Nein“ zusammen:

Ja: Der/die joggte auch früher schon und daran wird sich „n.C.“ (nach Corona)* auch nichts ändern. Denn er/sie ist LäuferIn.

Nein: Der/die läuft erst seit kurzem, ersatzweise für anderen Sport oder um heimischer Isolation zu entrinnen. Er/sie ist allem Anschein nach kein Läufer, keine Läuferin. Ob „n.C.“ sein/ihr läuferisches Intermezzo eine Fortsetzung erfahren wird, ist fraglich.

*) „n.C.“ meint eine neue Zeitrechnung: „nach Corona“; bitte mich weder dafür loben noch tadeln, das Bonmot stammt leider nicht von mir.

… und schwupp stecke ich wieder mal mittendrin in der Frage, um die meine Gedanken von jeher kreisen: Was macht eigentlich einen Läufer aus? Eine im Grunde müßige Frage, bewegt sie doch einzig meinen Kopf und nicht die Beine. Dennoch übt sie einen seltsamen Reiz auf mich aus. Vielleicht liegt das in ihrem Wesen begründet, das mich an das einer Schlange erinnert. Die Frage verhält sich wie jenes prächtige Exemplar einer Ringelnatter, in deren Höhe ich einst freudig erregt meinen Trainingslauf unterbrach, um ein seltenes Wunder der Natur zu bestaunen. Kaum hatte ich die Natter als ihrer Art zugehörig erkannt, verzog sie sich ins hohe Gras. Ähnlich ergeht es mir mit der Läuferfrage. Hartnäckig entzieht sie sich meinem gedanklichen Zugriff. Neckt mich gelegentlich mit „schlangenartigen Häutungen“, um sich in neuer Worthülse zu präsentieren. Etwa in der Form: Was ist das, ein „Läufer“? Oder: Wer ist Läufer und wer nicht?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach, lässt sich die Fortbewegungsart „Laufen“ doch eindeutig definieren. Allen Laufschritten - gleich, ob elegant oder unbeholfen, rasant oder langsam - haftet ein Moment des Schwebens an. Jener Millisekunden kurze Augenblick fehlenden Bodenkontaktes der Füße, anders als etwa beim Gehen. Beschränkt man sich jedoch auf diese rein biomechanische Betrachtungsweise, werden auch Menschen zu Läufern, die auf den letzten Metern zum abfahrbereit wartenden Zug sprinten, sich bei Überquerung einer Straße vor heranpreschenden Autos rennend in Sicherheit bringen oder mit Kindern auf der Wiese Fangen spielen. In dieser Art zweckgebundenes, seiner Natur nach kurzfristig währendes Laufen rechtfertigt aber sicher nicht jemanden mit dem Prädikat „Läufer“ auszuzeichnen. Der Ausdruck lässt uns an Menschen denken, die weiter als nur ein paar Schritte laufen. Die der Tätigkeit überdies mit einer gewissen Regelmäßigkeit frönen und sie nach allgemeinem wie eigenem Verständnis als sportliche Betätigung verstehen.

War das jetzt gerade so etwas wie eine akzeptable Bestimmung des Begriffs? - Demnach wäre ich unbestreitbar ein Läufer?! Ich schnüre mehrmals die Woche meine Laufschuhe und laufe selten weniger als zehn Kilometer am Stück. Oft weiter, manchmal, im Rahmen von Laufveranstaltungen sogar unbotmäßig weit, marathon- oder ultraweit. Manche fragen: Warum macht er das? Ich könnte dafür diverse Beweggründe auflisten, keiner gelogen, alle sattsam bekannt. Müsste letztlich dennoch bekennen, der eigentlichen inneren Triebfeder nie wirklich auf die Spur gekommen zu sein. Setzt folglich eine zufriedenstellende Definition dessen, was einen Läufer ausmacht voraus sein Tun mit Motiven zu untermauern?

Ich bin also Läufer. Wer noch? Etwa alle, die mir im Laufe der Jahre im wahrsten Sinne des Wortes über den Weg liefen? Auch jene fülligen Artgenossen jeden Alters, die sich - Pardon! - keuchend und behäbig, einem Walross auf dem Trockenen nicht unähnlich, voran quälten? Das erinnerte manchmal nur entfernt an wirkliches Laufen, erfüllte aber den biomechanischen Anspruch. Auch bei ihnen gab es den - zugegeben: ultrakurzen - Moment fehlender Bodenhaftung. Läufer oder nicht?

Und wie denkst du über in die Jahre gekommene „Sesselfurzer“, denen ihr Arzt dringend ans arteriell verkalkte Herz legte sich mehr zu bewegen? Um gefährlich hohen Blutdruck und/oder ungesunde Cholesterinwerte zu senken. Die darum ein kleines Vermögen in Laufschuhe und stylisches Equipment investierten und zügig damit begannen ihren Körper neu zu entdecken. Stets auf gleicher Runde, wenn’s hoch kommt ein paar Kilometer weit, vielleicht weniger. Einer, der so genannten „Laufeinsteiger“. Dürfen die sich (schon) „Läufer“ nennen? Und falls nicht: Ab wann gilt dir ein Lauf-Azubi als „vollwertiger“ Läufer?

Dann wäre da noch das Heer der Fitnessjünger, die mehrmals pro Woche ins Land der Kraft- und Fitnessmaschinen pilgern. Nicht wenige beginnen ihren Besuch im Reich der Kraftmaschinen mit ein paar flotten Minuten auf dem Laufband. Andere lassen die schweißtreibende Schlacht gegen Gewichte auf bewegtem Untergrund ausklingen. Hör ich da ein „Die laufen auf der Stelle, außerdem in muffiger Bude, das sind doch keine Läufer!“? Ist das so? Darf nur für sich in Anspruch nehmen „Läufer“ zu sein, wer unter freiem Himmel joggt?

Apropos unter freiem Himmel: Unterdessen habe ich den Fluss überquert und laufe in Gegenrichtung zurück. Weniger „Verkehr“ auf diesem Abschnitt, für meinen Geschmack aber immer noch zu viel. Mir steht der Sinn nach ein wenig Einsamkeit auf einer Streckenvariante abseits des Flussufers. Also biege ich ab … Ahnungslose joggen am versteckt liegenden, gut eingewachsenen Weiher - Naturschutz-Sprech: Feuchtbiotop! - einfach so vorbei. Ich erstürme den brusthohen, um die ehemalige Kiesgrube aufgeworfenen Wall und halte kurz pausierend Rundschau. Ein Entenpaar dümpelt auf unbewegtem Wasser, sonst regt sich nichts. Nur selten verirre ich mich in diese idyllische Ecke meines Reviers. Sie setzt einen Abstecher voraus, der unweit von hier als Sackgasse endet. Ein schmaler Streifen Auwald trennt mich dort vom Uferweg. Schmal aber gleichermaßen undurchdringlich wie die berühmte Dornenhecke im noch berühmteren Märchen von Dornröschen. Dennoch versuche ich mein Glück. Hatte ich nicht letztens von der anderen, der Uferseite, aus einen Trampelpfad durchs Dickicht erspäht? Pustekuchen: Mannshoher Maschendraht um eine erst kürzlich angelegte Schonung schiebt meiner Absicht einen Riegel vor. „Normale“ Menschen kehrten jetzt um, mit Sturheit geschlagene Ultra-Kreaturen versuchen den Durchbruch. Ich vollführe eine Art Kniehebelauf um den Zaun herum; etliche Male für ausgreifende Gehschritte innehaltend, wo dornenbewehrte Fußangeln blutige Striemen androhen …

Eine gefühlte Ewigkeit später und unversehrt zurück am Ufer. Nicht nur tempomäßig kehre ich zur Tagesordnung zurück, weiche auch wieder verwegen galoppierenden Pedalrittern aus. Unvermittelt, zwischen zwei Drahteselattacken, rennt mir jemand zu Fuß entgegen: Nicht mehr jung und noch nicht alt. Trägt Polohemd und fast knielange, mit Außentaschen besetzte Stoffshorts. Schuhe? Undefinierbar aber irgendwie sportlich anmutend. Im Moment, da wir aneinander begegnen, fände ich mich zum Schwur bereit: Das ist kein Läufer! Denn: So kleidet sich kein Läufer. Und: So unbedacht stürmt auch kein Läufer voran. Wie er an mir vorbei rauscht wirkt unecht, gestellt, nach der Art von „Jogger-Szenen“ in Tatort-Filmen. Wenn Protagonisten mit gefakten Schweißflecken auf Brust und Rücken durch den Bildausschnitt düsen und man den Regisseur spontan belehren möchte: In dieser Manier käme der keinen Kilometer weit. Nein, der da gerade an mir vorbei sauste war kein Läufer!

Aber wie kann ich mir dessen sicher sein? Äußerlichkeiten erregen einen Anfangsverdacht, begründen aber kein Urteil. Gibt es so etwas wie eine „Läuferidentität“? Welche Merkmale hätten demzufolge identitätsstiftenden Charakter und welche nicht? Je mehr ich über diese Frage nachdenke, umso weniger vermag ich sie nach meinem Verständnis abschließend, noch weniger allgemeingültig zu beantworten. Lass mich kurz deine Aufmerksamkeit auf den für Läufer nicht unwichtigen Faktor „Motivation“ verengen: Ist nicht „tausendprozentig“ Läufer, wer sich in Zeiten fußläufiger Untätigkeit danach verzehrt endlich wieder in Laufschuhe und seinen heiß geliebten Wald zu schlüpfen? Oder jene, die „da draußen“ jeglicher Spielart widerlich kalten Wetters stets mit warmen Gedanken und eingefrorenem Lächeln begegnen? Folgerichtig kann kein „echter“ Läufer sein, wer sich häufiger zwingen muss sein heimeliges Zuhause zu verlassen.

Bitte zu dieser Einschätzung nicht kritiklos nicken! Denn träfe sie den Nagel auf den Kopf, ich dürfte mich nicht zur Gilde der Läufer zählen. Widrige Wetterumstände hasse ich wie die Pest. Nicht selten ließen sie mein Training zu bloßer Pflichterfüllung verkommen. Trotzdem gehe ich raus und laufe. Wieso ich das mache? Frag nicht, hab’ doch schon gesagt: Dafür könnte ich diverse Beweggründe auflisten, keiner gelogen, alle sattsam bekannt. Müsste letztlich dennoch bekennen, der inneren Triebfeder nie wirklich auf die Spur gekommen zu sein …

Vielleicht ist die Lösung banaler als ich glaube: Ich denke, also bin ich. Ich laufe, also bin ich Läufer. Basta! Wer ist schon gänzlich ohne Fehl und Tadel? Kein Mensch, und Läufer sind auch nur Menschen. Das gilt auch für die ewigen „Wiedereinsteiger“. Laufen ein paar Monate konsequent und mit anhaltender Begeisterung, scheinen dem Laufsport auf ewig verfallen. Nur um dann ebenso spontan aufzuhören, wie sie vordem begannen (und unabsehbar später neuerlich starten werden). Läufer oder Möchtegern-Läufer? Ernst nehmen oder schulterzuckend ignorieren?

Weiter oben stand der „Laufeinsteiger“ im Fokus. Nun hätte ich da noch den „Laufaussteiger“, einen Menschen mit Läufervergangenheit anzubieten: Den Vorsitzenden des Laufsportvereins zum Beispiel; inzwischen Rentner und alle Tage emsig bemüht den Aktiven seines Vereins bestmögliche Trainings- und Wettkampfbedingungen zu verschaffen. Früher war er Mittelstreckler und beileibe kein schlechter. Davon zeugen vergilbte Zeitungsausschnitte, Pokale, Urkunden und - als wichtigste Auszeichnungen - seine und die Erinnerungen seiner Laufkameraden. Seit Jahren hat er kein Läufchen mehr unternommen. Geht einfach nicht mehr. Zu ramponiert das „alte Fahrwerk“ und Schmerzen will er nicht leiden. Darf man ihm absprechen Läufer zu sein? Nur weil er nicht mehr „aktiv“ läuft und obwohl sein Herz noch immer für diesen Sport im einstigen Mittelstreckentakt der Füße schlägt?

Und was ist mit der Spezies der „Jogger“? Im Gegensatz zu mir machen viele Leute einen Unterschied zwischen „Joggern“ und „Läufern“. Erstere gelten ihnen als weniger zielstrebig oder ernsthaft, einzig dem Spaß vor ihrer Haustür frönend. Gestehen ihnen allenfalls geschärftes Gesundheitsbewusstsein oder Geselligkeit als Motivbeigabe zu. Unterstellen „Läufern“ damit zugleich weniger freudvoll und ausschließlich leistungsorientiert die Füße zu schwingen. Wer so denkt, dem empfehle ich in Wikipedia unterm Stichwort „Jogging“ nachzulesen. Joggen - heißt es dort - sei eine Form von Ausdauertraining. Den Text illustrierende Bilder erlauben keinen Zweifel, wessen sich Jogger befleißigen, um die erwünschte Ausdauer zu erwerben: Sie laufen!

Aus dem elitären Elfenbeinturm des Wettkämpfers schauend verengt sich der Blickwinkel: „Der Unterschied zwischen einem Läufer und einem Jogger ist das Anmeldeformular für ein Rennen.“* So sah es Dr. George A. Sheehan, Läufer, Arzt und Verfasser verschiedener Sportbücher bereits 1977 in einem Artikel, den er für Runner’s World USA schrieb. Zudem empfand er es als „Schande, dass sie [die Jogger] nicht den Sprung in den Wettbewerb geschafft haben.“ Ernstzunehmender Einblick oder Verunglimpfung? Andere mir zugängliche Textproben, in denen Sheehan sich an der Abgrenzung der Begriffe Jogger, Racer, Runner und Competitor versucht, sprechen mehr von Verwirrung und Scheitern, als sie Klarheit brächten, was einen Läufer ausmacht. Pseudophilosophische Betrachtungen, effekthascherisch in die Welt gesetzt, letztendlich ohne Aufschluss verpuffend.

*) “The only difference between a jogger and a runner is a race entry blank.” Dr. George A. Sheehan (1918-1993), Arzt, Wettkämpfer, Sportbuchautor und Kolumnist von Runner’s World USA

Noch anderthalb Kilometer auf asphaltiertem Radweg, zunächst zwischen Feldern, zuletzt am Ortsrand, dann werde ich die ersehnte Dusche genießen können. Flaches Terrain, freie Sicht: Die nahende wie auch die sich entfernende Karawane - Spaziergänger, Gassigeher, Jogger, Radler, Skater - erinnert an samstäglich belebte Fußgängerzonen. So wie sie mein Gedächtnis skizziert und „n.C.“ wohl auch wieder in unseren Städten zu beobachten sein werden. Unfassbar diese Masse Mensch zwischen zwei Dörfern in der bayerisch-schwäbischen Provinz! Ich bin auf vorsichtige Schätzungen angewiesen: Vielleicht drei- bis fünfmal mehr Leute unterwegs als früher zu dieser Zeit …

Um nun völlige Verwirrung zu stiften noch diese Überlegung: Muss man nicht alle diese Leute als Läufer respektieren? Mindestens als „potenzielle Läufer“, ungeachtet wie oder womit sie sich tatsächlich vorwärts bewegen? Und nicht nur die da vorne in meinem Sichtfeld, nein, jedes einzelne Individuum von Milliarden der Spezies Mensch! In Jahrmillionen evolutionärer Entwicklung reifte der Homo sapiens zum exzellenten Läufer. Jüngere Forschungsergebnisse legen nahe, dass unsere Urahnen noch vor 20.000 Jahren „arbeitstäglich“ etliche Kilometer gehend und laufend zum Sammeln und Jagen von Nahrung umherstreiften. 20.000 Jahre - im evolutionären Prozess nicht mehr als ein Wimpernschlag. Qua seines genetischen Erbes ist der Mensch des 21. Jahrhunderts also immer noch ein guter Läufer, nicht anders als jener unzivilisierte, keulenschwingende Barbar. Jeder kann laufen, auch wenn es nicht jeder will. Also ein „Läufer-Sein“ als bei vielen Mitmenschen verkümmerte, da zum (Über-) Leben nicht mehr zwingend erforderliche Option?

Finale Schritte, ich biege von der Straße zur Haustür hin ab und stoppe meine Uhr. 13 Kilometer liegen hinter mir. Von der Durchschlageübung um die Schonung abgesehen, ein unspektakulärer Lauf. Nicht besser oder schlechter als tausende zuvor. Und doch ist zu laufen „anders“ in Zeiten der grassierenden Seuche. Mehr noch als früher empfinde ich es als Privileg. Dass ich es kann und nun auch noch: Dass ich es darf. Dazu kommen Umstände, die mich vermehrt zum Nachdenken animieren. Nicht unbedingt „on the run“, wohl aber danach. Und immer wieder bewegt mich diese eine Frage: Was macht einen Läufer aus?

Was will der eigentlich? Zu viel Zeit, dass ihn dergleichen so beschäftigt? Offen gestanden weiß ich selbst nicht recht, weshalb ich an Sein oder Nichtsein eines Läufers reichlich gedankliche Energie verschwende. Zum Teil wohl als Reflexion eigenen Tuns. Ich empfinde es als frustrierend, dass ich mich selbst als Läufer bezeichne, jedoch nicht zufriedenstellend zu umreißen vermag, was mich als Läufer auszeichnet. Wahrscheinlich gilt es zunächst ein wichtigeres, nicht minder schwieriges Rätsel zu lösen: Warum laufe ich? Oder universell: Welcher tiefere Sinn steckt darin, wenn Menschen laufen - mehr oder weniger sportlich, in ihrer Freizeit?

Ich meine damit nicht Zwecke, die uns nahelegen zu laufen. Nicht laufen, um abzunehmen, gesund zu bleiben, das Immunsystem zu stärken, den Kopf nach anstrengender Zeit frei zu bekommen, sich mit anderen zu messen, Städte und Landschaften zu erleben oder Ähnliches. Nein, da ist mehr. Zu laufen basiert auf einem inneren Wert. Etwas, das den Läufer auch dann noch laufen lässt, wenn er keinem Zweck mehr huldigt. Wenn er läuft und dabei das Gefühl hat etwas zu tun, was zwar zweck- aber nicht sinnlos ist. Wenn er läuft, weil er in diesem Moment nichts lieber täte als genau das: Laufen.

Warum laufe ich? Wenn ich das wüsste, dann könnte ich auch definieren, was mich zum Läufer macht. So weit bin ich nur leider noch nicht. Einstweilen sucht Läufer Udo Zuflucht in einem Wort von John Bingham, Spitzname „The Penguin“, einem amerikanischen Marathonläufer und Laufbuchautor. Er schrieb:

„I AM A RUNNER because I run. Not because I run fast. Not because I run far.

I AM A RUNNER because I say I am. And no one can tell me I'm not.“

(„Ich bin ein Läufer, weil ich laufe. Nicht, weil ich schnell laufe. Nicht, weil ich weit laufe. Ich bin ein Läufer weil ich sage, dass ich einer bin. Und niemand kann mir weismachen, dass ich es nicht bin.“)

 


 

Link zu Teil 1 der „Corona-Edition“ - Ich laufe viel in diesen Tagen

Link zu Teil 2 der „Corona-Edition“ - Vom Osterhasen, widerhallender Stille und plötzlicher Wehmut

 


Bildnachweis: Das Bild der Ringelnatter stammt aus Wikipedia (Link zur Lizenz). Die Bilder drei, vier und sechs stammen von der Seite freeimages.com. Übrige Bilder: Ines und Udo Pitsch