Laufeinsteiger 2016:  So viel Wald, doch wo stehen die Bäume?

Laufen hält auf der Liste sportlicher Freizeitaktivitäten einen der führenden Plätze. Wahrscheinlich deshalb, weil man niemanden und wenig mehr als nichts braucht, um diesem Hobby zu frönen. Sicher auch, weil es jederzeit, überall und mit einigem Mehrwert für die Gesundheit durchführbar ist. Vor allem aber, weil jeder Mensch den Bewegungsablauf beherrscht und nicht erst mühsam erlernen muss.

Ganz selbstverständlich laufen:
Gehen, Laufen, Rennen, die menschlichen Fortbewegungsarten, entwickelt ein Kind in seinen ersten Lebensjahren bis zur Perfektion. Ohne jede Aufforderung und Anleitung übrigens, die Voraussetzungen fürs „bewegte Menschsein“ stecken in seinen Erbanlagen. Entsprechend selbstverständlich nutzen Kinder ihre Beweglichkeit in Alltag und Spiel. Kinder denken nicht darüber nach, ob sie gehen, laufen, rennen können, sie tun es einfach! Kinder lamentieren auch nicht anlässlich der Begleiterscheinungen körperlicher Anstrengungen: Außer Atem sein, müde werden – selbstverständliche Reaktionen des geforderten Körpers, denen sie keine Bedeutung beimessen. Und das in diesem Alter hochfrequent schlagende Herz bleibt ihnen gar völlig verborgen. Sie laufen so lange sie können, um ein naheliegendes Ziel zu erreichen, manchmal auch völlig ohne Grund, bis ihnen die Puste ausgeht. Wenn das geschieht, gehen sie ein Stück, um dann neuerlich loszulaufen.

Erinnerst du dich noch an deine kindliche Bewegungsselbstverständlichkeit vor 20, 30, ?? Jahren? Mit Wachstum und Reife verlor sich das spielerisch Körperliche nach und nach, (er-) füllte sich dein Menschenleben mit allerlei geistig-seelischen Aktivitäten. Berufliches Lernen und Arbeiten, Streben nach Erfolg, Selbstverwirklichung, Gründung einer Familie - reichlich zu tun. Zeit empfindet man in diesen Dekaden des Lebens als knappe Ressource, weswegen viele Zeitgenossen ihren „Bewegungs-Spielraum“ in Richtung null optimieren.

Der Körper als lästiges Erbe:
Als der menschliche Organismus in seiner heutigen Daseinsform von der Evolution geformt wurde, vor 20.000 Jahren, waren menschliche „Jäger und Sammler“ gezwungen bis zu 40 km am Tag auf der Suche nach Nahrung zurückzulegen. Es entstand ein Körper, der vor allem für die sehr ausdauernde Fortbewegung ausgerüstet ist. In der Sphäre moderner Zivilisation braucht niemand mehr weite Strecken per pedes zu überwinden. Im Extrem-, der von Jahr zu Jahr mehr zum Normalfall wird, nötigt der Alltag Menschen zu weitgehender Bewegungsarmut. Mit Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz und wieder heim, ein paar Schritte zwischen Bett, Tisch und am Arbeitsplatz. Viele sitzen stundenlang. Wer nicht gehen will, kann es weitgehend vermeiden. Laufen? Rennen? Nicht überlebensnotwendig!

Einige der Folgen humaner Immobilität sind in aller Munde - beispielsweise die drastisch um sich greifende Fettleibigkeit, die wachsende Zahl von Herz-Kreislauferkrankungen, immer mehr Fälle von Diabetes. Andere Konsequenzen bleiben eher unbekannt, weil sie kaum publiziert werden. Noch immer glauben viele, dass Sport und sonstige körperliche Aktivitäten den Bewegungsapparat eher verschleißen, als ihm nutzen. Wer geht, läuft, rennt schon in dem Bewusstsein genau jetzt, da er sich bewegt, seinen Gelenken einen unerlässlichen Dienst zu erweisen? Nur durch bestimmungsgemäßen Gebrauch vermag sich ein lebender Organismus immer wieder zu erneuern. Ein Beispiel: Nicht durchblutete Gelenkknorpel benötigen die bei der Bewegung auftretenden Druckveränderungen - sie wirken wie eine Pumpe - zur Nährstoffversorgung. Und nur ausreichend ernährte Knorpel bleiben intakt. Arthrose und Ersatz kaputter Gelenke durch künstliche Organe sind also eher die Folge fehlender Beanspruchung als von zu viel Sport.

Laufen statt Sammeln und Jagen:
Der grassierende körperliche Verfall provoziert eine Art kollektiven schlechten Gewissens in Form stetig wachsenden Gesundheitsbewusstseins. Alle mit dem Etikett „Gesundheit“ versehenen Themen erfreuen sich höchster medialer Aufmerksamkeit. Sie treiben das Räderwerk einer gewaltigen Wellness-Industrie, von der man manchmal den Eindruck gewinnt, als wolle sie an Körper und Seele deformierte Menschen ihrer Eigenverantwortung entheben. Wer sie sich nicht nehmen lässt, sehnt stattdessen das Ende seiner „körperlichen Talfahrt“ herbei, will folglich etwas ändern. Aber was? Weniger Stress in Beruf und Familie? Weniger essen? Anders essen? Mehr bewegen? - Am Ende gequälten Grübelns fauler „Nerds“, träger „Couch-Potatoes“ oder hyperaktiver „Workaholics“ steht häufig der Wunsch nach sportlicher Betätigung. Nicht zuletzt Fitnessstudios, die nach der Jahrtausendwende wie Pilze aus dem Erdboden „ploppten“, profitieren davon. Mit geringstem Mitteleinsatz und quasi sofort, lässt sich jedoch der Bewegungswunsch als Läufer - neuhochdeutsch: Jogger - realisieren.

Vom Verlust der Selbstverständlichkeit:
Korrekter Grundgedanke: Laufen kann ich, das muss ich nicht erst lernen … Doch dann unterläuft manchen Laufaspiranten ein unguter Fehler. Statt sich auf Unerlässliches zu beschränken - Was brauche ich an Ausrüstung? Wann ist für mich der beste Zeitpunkt? Wo laufe ich? - fassen sie diffuse Zweifel und Ängste in Worte: Laufen? Da kann man doch sicher eine Menge falsch machen! Wie lange kann, soll, darf ich laufen? Schädige ich womöglich meine Gelenke, wenn ich zu viel laufe? Und nicht zu vergessen der „Klassiker“, der den Herstellern von Pulsmessern Rekordumsätze beschert: Laufe ich nicht Gefahr mein Herz zu überlasten? - Denkt's und sucht verunsichert nach Antworten ...

Wo sind Bewegungsselbstverständlichkeit und Unbekümmertheit des Kindes geblieben, das einfach losrannte, wenn ein innerer Impuls es ihm eingab?

Schon immer unternahmen verantwortlich handelnde Menschen den Versuch, die Konsequenzen ihres Handelns gedanklich vorwegzunehmen, suchten Rat gebenden Sachverstand, um Fehlern vorzubeugen. Dereinst befragte man einen Kundigen, las ein Sachbuch oder war auf zufällig erscheinende Beiträge in den Medien angewiesen. Zweifelnde des 21. Jahrhunderts bedienen sich dagegen geradezu reflexhaft aus dem unerschöpflichen Füllhorn „Internet“. Und seit Smartphones das „World Wide Web“ an jedem Ort und zu jeder Zeit verfügbar machen, wagen viele Zeitgenossen keinen Schritt mehr ohne vorherige Rückversicherung im Cyberspace. Online-Ratgeber, Foren, selbsternannte Gurus, diverse Homepages erfahrener „Nutzer“ oder „Praktizierer“ überschütten den Debütanten mit Gigabyte an Empfehlungen, Anleitungen, Warnungen, etc. Dumm nur, dass in den Weiten des Netzes auch jede Menge Unsinn kursiert. Außerdem fehlt eine Instanz, die die Relevanz recherchierter www-Infos für die eigene Situation bewerten könnte …

Was den Laufeinstieg betrifft, hatten wir älteren Läufer es früher einfacher. Als mein Arzt meinte, ich solle meine Gesundheit mit Ausdauertraining stabilisieren, zog ich mir Laufschuhe an, ging raus und lief - ganz selbstverständlich und ohne Bedenken. Mühelos verfügbare Trainingsempfehlungen gab es seinerzeit nicht. Andererseits kam ich gar nicht auf die Idee um Rat nachzusuchen. Wozu auch? Laufen kann ich und logisch denken auch: Laufe ich schnell, bin ich rasch erschöpft. Also muss ich in moderatem Tempo traben, um eine Weile durchzuhalten. Das klingt so einfach, völlig selbstverständlich und für die überwältigende Mehrheit aller Laufeinsteiger wäre es noch immer genau das: Einfach und selbstverständlich - rausgehen und loslaufen!

Lauter Wald und keine Bäume:
Doch woher kommt die Unsicherheit, woher das Misstrauen gegen die eigene Natur? Pure Verführung durch das technisch Machbare? Die allzeit und allerorten verfügbare „mediale Supervision“ per Smartphone, flankiert von digitalen Spielereien rund um Herzfrequenzmessung und GPS-basierter Navigation? Der Laufanfänger als Opfer zahlreicher Offerten und Möglichkeiten: Überall sieht er Wald, doch wo sind die Bäume?

Desorientierung inmitten der Vielfalt, pluraler „Overload“. Will es jemand meiner Generation verstehen, muss er ein Gleichnis bemühen. Vielleicht das mit dem Einkauf beim Bäcker, einst und jetzt: Während ich vor 40 Jahren seelenruhig in der Warteschlange stand, nur zwischen dreierlei Brötchen und zweierlei Laiben Brot zu wählen hatte, packt mich heute Unentschlossenheit, in kurzer Schlange sogar Panik, angesichts des unüberschaubaren Sortenreichtums an Backwaren … Ein Menschenleben in der Zivilisation des 21. Jahrhunderts kann heute niemand mehr in allen Belangen erfassen. Dazu ist es zu komplex. So komplex, dass es sogar schwer fällt, auf elementar Menschliches ohne Rückversicherung zu bauen.

Oder nehmen wir etwa dauerhaft Schaden am Zeitgeist, beispielsweise dem stetig steigenden Druck zur Selbstoptimierung? Manche Menschen nehmen Natur - auch ihre eigene - nur noch als jene Erscheinungen wahr, die sie nicht beeinflussen können: Wetter, Jahreszeiten, Krankheiten, Geburten, Todesfälle, Haarausfall ... Dabei nimmt die Akzeptanz des biologisch Unabänderlichen ab. Körperlichen Verfall will man mit allen medizinischen und kosmetischen Mitteln aufhalten. Hübsch und leistungsfähig bis ins hohe Alter! Und da soll man einen so risikoreichen Prozess wie „Joggen“ bloßem Ausprobieren überlassen?

Diese Zeilen wollen und können die Uhr nicht zurückdrehen. Ebenso wenig dürfen sie als Aufruf zu allgemeiner Unbekümmertheit missverstanden werden. Allerdings formulieren sie die entschiedene Aufforderung den Laufsport zuvorderst als das zu sehen, was er ist: Die Ausübung einer allen Menschen genetisch gemeinsamen Fähigkeit. Eine selbstverständliche Form der Fortbewegung, die wir bereits auf Kindesbeinen beherrschen und nie wieder verlernen. Überdies eine der letzten „Spielwiesen“ inmitten des Fixen. In diesem Sinne richtet sich mein Appell an alle Laufeinsteiger:

Nicht zweifeln noch zaudern: Laufschuhe anziehen! Rausgehen! Loslaufen!

 


Bildnachweis: Die Bilder „dicker Mann“, „Gelenk“, „Gewichte“ und „www“ stammen von der Seite „freeimages.com“. Bild ganz unten: Bernhard Mandat; übrige Bilder: Ines und Udo Pitsch.