Ein schwieriges Jahr
Die 2.061 Gesamtkilometer meiner Laufstatistik legen nahe: Es war mir wieder vergönnt ganzjährig zu laufen. Und ab Ende August durfte ich endlich auch wieder Marathonwettkämpfe in mein Laufbuch eintragen. Insoweit scheint alles in gewohnter „Ordnung“, Udo zum Running Business as usual zurückgekehrt. Wer meine schriftlichen Wortmeldungen der vergangenen
Monate auch nur sporadisch las, wird jedoch wissen, dass es mir (noch?) nicht gelang zu früherer Leichtigkeit zurückzufinden. Die Ursachen lassen sich mit ein paar Schlagworten hinlänglich skizzieren: Marathonpause länger als ein Jahr / dadurch Totalverlust der Ausdauer und hohe Einbußen an Robustheit des Bewegungsapparats / Gewichtszunahme / von Lebensalter und Laufpause bedingt merklich geringere Trainierbarkeit aller Konditionsanteile.
Im Zusammenwirken führten diese Einschränkungen im Mai zum Scheitern des ersten Anlaufs auf ein Marathon-Comeback. Wieder aufflammende Knieschmerzen und die schiere Aussichtslosigkeit Marathonreichweite bis zum angepeilten Termin Anfang Juni zu erreichen erzwangen die Verlängerung der Marathonpause. Überdies war dieses Scheitern infolge ungünstiger Terminsituation geradezu programmiert. Ende März/Anfang April unternahmen wir eine von langer Hand vorbereitete Auslandsreise über drei Wochen. In dieser Zeit musste ich den Trainingsaufbau den Umständen gehorchend schleifen lassen. Nach dem Urlaub blieb zu wenig Zeit, um rechtzeitig fit zu werden.
Endlich doch: Marathon Restart
Nach dem Trainings-Crash im Mai räumte ich mir „alle Zeit der Welt“ ein, fasste keinen konkreten Termin für den Neustart auf der Marathonstrecke mehr ins Auge. Mein Körper - so meine feste Überzeugung - würde mir mitteilen, wenn er sich der Marathonstrecke wieder gewachsen fühlt. Um ausreichend Erholzeit sicherzustellen, reduzierte ich auf drei Trainings pro Woche, steigerte zugleich behutsam die Belastung. Darüber vergingen Juni und Juli. Im August kehrten die Gedanken an ein Marathon Comeback immer häufiger zurück. Für den Neubeginn suchte ich eine Veranstaltung mit flacher Strecke, die mir außerdem erlauben würde die Distanz ohne jeden zeitlichen Druck, also in sehr zurückhaltendem Tempo, zu absolvieren. Der privat veranstaltete Isar-Süd-Marathon in München schien dafür bestens geeignet. Dennoch haderte ich lange mit mir, bis der Entschluss feststand am 23. August, nach 511 marathon-losen Tagen, den Restart zu wagen.
Zu dieser Zeit richtete sich mein Hauptaugenmerk noch auf das rekonvaleszente Knie. Wenige Wochen später war ich davon überzeugt mir in dieser Hinsicht keine Sorgen mehr machen zu müssen. Bis auf ein bisschen Zwicken dann und wann, versah (und versieht bis heute) der Innenmeniskus links seine Arbeit wieder tadellos. Neu im Knüppel-Sammelsurium, das mir zur Lauferschwernis zwischen die Beine geworfen wurde, war eine rätselhafte Reaktion meines Körpers. Sie fiel nach längerer, nicht mal
unbedingt fordernder Ausdauerleistung und ohne Vorwarnung über mich her. Das Phänomen bedeutete vor allem Erschrecken und den Lauf langsamer fortsetzen zu müssen. Keine ärztliche Diagnose, nicht vom Kardiologen, noch von anderen Ärzten, kam der Erscheinung auf die Schliche - alle messbaren Parameter lagen im grünen Bereich. Auch dieses Phänomen bekam ich - manchmal mehr, zuweilen weniger - in den Griff (ohne hier näher auf das Wie einzugehen).
Rückschritte
Mit den ersten drei Marathonläufen, jeweils im 2-Wochen-Abstand gefinisht, verzeichnete ich Fortschritte. Nummer eins in München war der Test, ob ich überhaupt noch so weit laufen kann - unter größter Zurückhaltung und Vorsicht, um das Knie nicht zu verärgern. Der zweite Marathon sollte dann zeigen, dass ich wieder unter vorgegebenen Tempolimits das Ziel erreichen kann, was in der Fränkischen Schweiz in 5:14 Stunden zufriedenstellend gelang. Der dritte Start beim Seenland Marathon war als erster Härtetest gedacht. Ich hatte gut trainiert und meine Grundschnelligkeit verbessert. Lange schien es, als sollte mir eine Sub5h-Zeit gelingen. Das oben erwähnte Phänomen verhinderte den vollen Erfolg. Mit 5:06 Stunden setzte sich der Aufwärtstrend aber eindeutig fort.
Der eine Woche später absolvierte Heppl Backyard Ultra bildete möglicherweise den Einstieg zum teilweisen „Wiederabstieg“. Ich konnte das Training nicht wie gewohnt forcieren, war einstweilen auf sehr langsames Laufen fokussiert. Der Austragungsmodus „Backyard“ (Neustart auf einer 6,7 km-Runde nach jeweils einer Stunde), machte es möglich die Ultradistanz 47 km an jenem Tag zu finishen. In der Folge hatte ich Trainingsausfälle zu beklagen, die vor allem auf Terminkollisionen beruhten. Ich verlor den mühsam erarbeiteten Trainingsrhythmus, musste zudem jeweils mehrere Wochen bis zum nächsten Lauf überbrücken. Als weiterer machtvoller Gegner entpuppte sich das Wetter: Einmal hässlicher Dauerregen, zuletzt Kälte. Letztere bewirkte noch in jedem Jahr
das Einbrechen meiner Fähigkeit ausdauernd zu laufen. Hitze kann ich gut ab, Kälte überhaupt nicht.
20.000
Trotz aller Hemmnisse war mir Ende November ein Meilenstein vergönnt, für dessen Erreichen allein sich die Mühe des Marathon-Neuanfangs gelohnt hätte: 20.000 Kilometer Laufstrecke, die ich ausschließlich auf bis dahin 374 Marathon- und Ultrastrecken sammelte. 20.000 Wettkampfkilometer bedeuten einen Ozean an Erinnerungen, aus dem nicht selten das eine oder andere Bild aufsteigt und mich innehalten lässt: Schön war's! Rückschau, die stets zu einem „Mehr davon!“ auffordert.
Laufen mit Fellnase Bobi
Wie bereits im Jahresbericht 2024 erwähnt, gibt es wieder vierbeinige Laufunterstützung in meinem Leben. Bobi läuft zuweilen mit. Bobi verfügt jedoch nicht über die Ausdauer, mit der Roxi „mal eben locker einen Marathon oder Ultra abspulte“. Er verbrachte zwei Jahre im Zwinger bosnischer Tierschützer, den unser Bobibub in dieser Zeit so gut wie nie verließ. Nicht unbedingt gute Voraussetzungen zur Laufbegleitung. Dennoch lernte ich - nach zurückhaltend über Wochen gesteigerten Distanzen - Bobi auf Strecken bis/um die 10 km als stets bestens aufgelegten Mitstreiter kennen. Vorsicht ist auch aus Rücksicht auf eine alte Verletzung unserer Fellnase an der Vorderpfote geboten. Niemand weiß, wo und auf welche Weise Bobi sich den (gut und
unauffällig verheilten) Pfotenballen ramponierte. Wir bemerkten das Handicap erst, als er nach ein paar Wochen, ausgelöst durch vermehrte Bewegung, die Pfote zu schonen begann. Draußen schützt seitdem stets ein Bootie die linke Pfote vor steinigem Untergrund. Begleitung auf Teilstrecken in Wettkämpfen, sofern Frauchen unser Laufabenteuer „supportet“, ist natürlich möglich und wurde beim Isar-Süd-Marathon auch schon erfolgreich getestet.
Auch meine derzeitige Verfassung ließe vierbeinige Begleitung über die komplette Langstrecke nicht zu. Spätestens ab der Hälfte wäre ich nicht mehr in der Lage meinen Hund sicher zu kontrollieren. Wie weiland Roxi zählt auch Bobi zu jenen Hundepersönlichkeiten, für die dauerhaft an der Leine zu laufen eher Strafe als Lauflust bedeuten würde. Zu Beginn des Jahres, als Bobi noch nicht abrufbar war, musste ich zigmal während unserer „Laufsessions“ stehenbleiben, um seinem Schnüffel- und Markierungstrieb gerecht zu werden. Inzwischen macht Bobi abgeleint - wo für ihn und andere Nutzer der Laufstrecke keine Risiken entstehen - seinen eigenes Ding. Hat er seine Bedürfnisse befriedigt, trabt oder rast er hinter mir her - meistens jedenfalls. Zuweilen muss ich mich umdrehen und ihn aus einem Dickicht „heraus kommandieren“, in dem er - sich selbst überlassen - vermutlich die nächsten Stunden mit Schnüffelrecherchen verbringen würde. Meinem Vergnügen Bobi daheizuhaben, tun solche Kapriolen jedoch keinen Abbruch.
| Laufjahrstatistik |
| Gelaufene Kilometer: |
2.061 |
| Trainingstage: |
171 |
| Krafttrainingstage: |
67 |
| Krafttrainingstage pro Woche: |
1,28 |
| Wettkämpfe: |
8 |
| - davon Marathon: |
7 |
| - davon Ultra: |
1 |
| Wettkämpfe (M/U) gesamt: |
376 |
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| Bobis Jahreskilometer: |
471 |
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Quo vadis, Udo?
Prognosen für ein neues Laufjahr gab ich früher recht schneidig, da sehr überzeugt von meinen Fähigkeiten, von mir. Stets lag die Zukunft klar und (läuferisch) berechenbar vor mir. Zu Jahresbeginn hatte ich das „Pflücken süßer Lauffrüchte“, die vielen Wettkämpfe zur Vorbereitung und das Hauptereignis selbst, schon fix durchgeplant. Und tatsächlich sammelte ich die Finishermedaillen dann wie vorgesehen ein. Dieser Gewohnheit bereitete zunächst Covid den Garaus. Die Seuche ließ keine verlässliche Planung mehr zu. Devise war fortan: Lauf, was immer du kriegen kannst. Danach hinderten mich gesundheitliche Zäsuren - das (leichte, zum Glück folgenlose)
Infarktgeschehen 2021 und die Knieläsion Anfang 2024 - an der Rückkehr zur Langfristplanung. Unterdessen „fahre ich auf Sicht“. Natürlich hege ich diverse Wünsche, wo und wann ich gerne laufen würde in 2026. Ob sie sich realisieren lassen, wird sich allerdings jeweils erst in den Tagen/Wochen davor entscheiden.
Die Sache mit dem Laufspaß: Einst definierte ich mein voraussichtliches Marathon-Ende, so es mir vergönnt sein sollte diesen Zeitpunkt selbst zu entscheiden, wie folgt: Wenn es mir nicht mehr gelingt einen flachen Marathon vollständig laufend zu absolvieren, dann muss Schluss sein. Streckenteile gehend zu überbrücken kommt als Alternative nicht infrage, weil ich darin keinen Sinn sehe und mir Gehenmüssen zudem unschöne Gefühle verursacht. Es erwies sich in diesem Jahr, dass ich Marathonstrecken wieder durchlaufen konnte. Sogar den Backyard Ultra mit 47 km. Ein ganz anderes Fragezeichen tat sich dafür auf. Als Marathoni definiere ich mich nicht nur über ein erfolgreiches Finish. Das Motiv der Motive, die Freude am Laufen, schwand jeweils viel zu früh. Mangels Kondition (Ausdauer und Robustheit) musste ich bereits ab etwa Halbmarathondistanz gegen Schwäche und Beschwerden anrennen. „Will ich das?“ lautet die Frage, die dabei stets im Windschatten mitlief.
Langfristig - soll heißen: wenn der Winter vorbei und für die Frostbeule Udo wieder effizientes Training möglich sein wird - sehe ich zwei Möglichkeiten. Entweder: Fitnesssituation so weit verbessert, dass die Quälerei als „Privileg der Selbstüberwindung“ erst auf den letzten Kilometern eines Marathons einsetzt - wie es immer war und zum Laufsport dazugehört. Oder mir gelingt das nicht: Vermutlich werde ich dann - zeitlich nicht näher bestimmbar - meine Marathonkarriere beenden. Mit anderen Worten: Ich wäre zwar noch in der Lage 42,195 flache Kilometer komplett zu laufen, würde das aber unter den gegebenen körperlichen und mentalen Bedingungen - mangels Laufspaß - nicht mehr wollen. Wie lange ich auf Marathonstrecken tatsächlich noch anzutreffen sein werde, ist also weniger absehbar denn je ...
Allen Lesern / Läufern ein gesundes, schönes, erfolgreiches 2026!